Pressemitteilung

DEKRA Crashtests: Extreme Gefahren auf den Straßen in der Erntesaison

Wenn der Mähdrescher zum tödlichen Hindernis wird

Wenn der Mähdrescher zum tödlichen Hindernis wird
  • Erntemaschinen sind überbreit, langsam und nicht immer gut erkennbar
  • Sicherheitseinrichtungen in Pkw können bei einer Kollision kaum helfen
  • Experten rufen zu besonderer Vorsicht in ländlichen Bereichen auf

Erntesaison in Deutschland: Auf den Feldern von Flensburg bis Füssen sind in diesen Wochen Mähdrescher und andere Erntemaschinen im Einsatz. Um aber auf diese Felder zu kommen, müssen sie immer wieder auch Straßen befahren oder überqueren. Dabei entstehen teilweise extreme Unfallgefahren, wie Crashtests der Sachverständigenorganisation DEKRA eindrucksvoll zeigen.

Ein Mähdrescher biegt auf eine Landstraße ein. Das Mähwerk ist ordnungsgemäß abgebaut wird auf dem Anhänger hinterher gezogen. Doch die schwere Maschine ist langsam, das Einbiegen dauert. Wenn sich jetzt ein Fahrzeug schnell auf der Landstraße nähert, wird es eng. „Leider entstehen während der Erntesaison aus solchen Situationen immer wieder schlimme Unfälle“, so Jörg Ahlgrimm, Leiter der Unfallanalyse bei DEKRA. „In unseren drei Crash-Szenarien haben wir solche typischen Unfallsituationen nachgestellt, bis hin zum schlimmsten denkbaren Fall, einer Kollision mit dem Mähwerk.“

Schon zwei Crashversuche, bei denen das Mähwerk keine Rolle spielt, zeigen, welche verheerenden Folgen solche Kollisionen haben. Ein Motorradfahrer, mit Tempo 60 noch nicht einmal besonders schnell unterwegs, prallt seitlich gegen den Reifen des Mähdreschers. „Wäre das ein realer Unfall gewesen, hätte der Motorradfahrer schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen erlitten“, so der DEKRA Experte. Dasselbe gilt für den frontalen Aufprall eines Autos mit 67 Stundenkilometern im zweiten Crashtest bei abgebautem Mähwerk. „Hier unterfährt der Pkw die feste Struktur der Erntemaschine, steife Bauteile dringen im Oberkörper- und Kopfbereich der Insassen in den Fahrgastraum ein. In einem solchen Fall bringen alle passiven Sicherheitseinrichtungen bis hin zu Airbag und Sicherheitsgurt praktisch nichts mehr.“
 

Das absolute Worst-Case-Szenario stellt der dritte Crashtest dar. Dabei kollidiert ein Motorradfahrer mit eigentlich moderaten 65 km/h im Gegenverkehr mit einem Mähdrescher, der – entgegen der Vorschrift – mit angebautem Mähwerk auf der Straße unterwegs ist. „In diesem Crash wurde der Dummy auf dem Motorrad buchstäblich vom Mähwerk aufgespießt“, schildert Jörg Ahlgrimm die Szene. „Ein Mensch hätte hier mit Sicherheit keine Überlebenschance.“

Gefahren im Zusammenhang mit Mähdreschern und anderen Erntemaschinen entstehen aus mehreren Gründen. Zum einen sind sie – schon ohne Mähwerk – sehr breit und zugleich oft auf relativ schmalen Landstraßen unterwegs. Erntemaschinen sind außerdem langsam und oft nicht gut erkennbar. Gerade in der heißen Phase der Ernte sind sie auch in der Dämmerung oder bei Dunkelheit im Einsatz. Auch das kann zu gefährlichen Situationen führen.

Eine Lösung der Probleme auf Seiten der Konstruktion von Mähdreschern und ähnlichen Geräten gibt es aus Sicht des Experten praktisch nicht. Sicherheitseinrichtungen wie etwa ein Unterfahrschutz lassen sich an Mähdreschern und ähnlichen Geräten nicht anbringen, ohne den eigentlichen Zweck, den Arbeitseinsatz auf dem Feld, zu beeinträchtigen. „Im Grunde sind das eben keine Fahrzeuge, sondern Arbeitsmaschinen. Sie sind konstruiert für den landwirtschaftlichen Arbeitseinsatz und nicht regelmäßig auf Straßen unterwegs. Eine Struktur zum Schutz von anderen Verkehrsteilnehmern müsste ständig an- und wieder abgebaut werden.“

Die DEKRA Experten rufen während der Erntesaison alle Verkehrsteilnehmer dazu auf, speziell in ländlichen Gebieten besonders vorsichtig zu fahren. „Wichtig ist, dass Sie in diesen Wochen jederzeit mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen rechnen, die langsam auf Landstraßen unterwegs sind, die einbiegen oder queren“, so Ahlgrimm. „Das gilt nicht nur für Mähdrescher, sondern natürlich auch für Ackerschlepper mit Anhängern, die das Getreide transportieren.“

An die Betreiber der Erntemaschinen appelliert der Unfallexperte, immer die entsprechenden Sicherheitsvorschriften zu beachten, auch wenn es sich nur um kürzeste Fahrstrecken auf Straßen handelt. „Spätestens ab einer Breite von 3,50 Metern müssen Schwertransporte in ganz Deutschland mit einem Begleitfahrzeug unterwegs sein. Diese Vorgabe gilt auch für Mähdrescher und andere Erntemaschinen“, so Ahlgrimm. „Zwischen 3,00 und 3,50 Metern sind in vielen Bundesländern spezielle Genehmigungen notwendig.“ Mit angebautem Mähwerk auf der Straße unterwegs zu sein, hält der DEKRA Experte für absolut tabu. „Unser Crashtest mit dem Motorradfahrer hat deutlich gezeigt, wie lebensgefährlich ein solches Verhalten ist.“
 

Bild 1   Seitlicher Aufprall eines Motorradfahrers gegen den Reifen eines Mähdreschers mit 60 km/h im DEKRA Crashtest. Bei einem realen Unfall wären schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen für den Motorradfahrer die Folge.
Bild 2   Frontalkollision mit einem Mähdrescher, der vorschriftsmäßig mit abgebautem Mähwerk unterwegs ist: Im DEKRA Crashtest mit 67 km/h unterfährt der Pkw die feste Struktur der Erntemaschine, steife Bauteile dringen in den Fahrgastraum ein. In einem solchen Fall nützen auch Airbag und Sicherheitsgurt nicht mehr.
Bild 3   Das Worst-Cast-Szenario: Ein Motorradfahrer fährt im DEKRA Crashtest mit 65 km/h in das Mähwerk eines Mähdreschers. Der Dummy wird vom Mähwerk regelrecht aufgespießt – ein Mensch hätte hier mit Sicherheit keine Überlebenschance.


Pressekontakt:
Wolfgang Sigloch
Telefon +49.711.7861-2386

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