Pressemitteilung

DEKRA präsentiert Verkehrssicherheitsreport 2014 in Brüssel

Straßen in Europas Städten sollen sicherer werden

Straßen in Europas Städten sollen sicherer werden
  • Unterschiedlichste Verkehrsteilnehmer begegnen sich auf engem Raum
  • „Vision Zero“ ist keine Utopie, sondern in Städten teilweise Realität
  • EU-Abgeordnete: Zusammenspiel von Mensch und Technik immer wichtiger

Die Straßen in Europas Städten sollen sicherer werden. Der Verkehr im urbanen Bereich birgt besondere Unfallrisiken. Die meisten Unfälle passieren innerorts; auch die meisten Verletzten gibt es innerhalb geschlossener Ortschaften. Das liegt vor allem daran, dass hier ganz unterschiedliche Verkehrsteilnehmer auf engstem Raum unterwegs sind. In Brüssel hat die international tätige Sachverständigenorganisation DEKRA jetzt ihren Europäischen Verkehrssicherheitsreport 2014 vorgestellt, der sich mit dem Thema „Urbane Mobilität“ beschäftigt. Im Rahmen eines Parlamentarischen Abends diskutierten Europa-Abgeordnete mit den DEKRA Experten über die Ergebnisse des Reports. Aus der Sicht von Unfallforschung, Verkehrspsychologie und Fahrzeugtechnik zeigt der Report auf, wo die größten Potenziale für die Verbesserung der innerstädtischen Verkehrssicherheit liegen. Dazu machen die DEKRA Experten konkrete Vorschläge.

„Im Hinblick auf die Verkehrstoten ist Europa seit Jahren auf einem guten Weg“, so Stefan Kölbl, Vorsitzender des Vorstands DEKRA e.V. und DEKRA SE. „Im Jahr 2013 hat die Zahl in der EU mit 26.200 Verkehrstoten einen historischen Tiefststand erreicht. Diese positive Entwicklung ist aber kein Grund zum Ausruhen – erst recht nicht angesichts des von der EU-Kommission im Juli 2010 formulierten Ziels, die Zahl der Verkehrstoten auf den Straßen der Europäischen Union bis 2020 noch einmal zu halbieren.“

Dass es gerade in den Städten noch viel zu tun gibt, zeigt die Unfallstatistik. In Deutschland machten 2013 die Innerorts-Unfälle mit über 73 Prozent knapp drei Viertel aller Unfälle aus. Dabei kamen 977 Menschen ums Leben. Zugleich sind zwei Drittel aller Schwerverletzen und über die Hälfte der Leichtverletzten innerorts zu verzeichnen. In vielen EU-Staaten zeigt sich ein ähnliches Bild.

„Im städtischen Verkehr treffen die Stärksten, also Lkw, Busse und Pkw, auf die Schwächsten, nämlich Fußgänger und Radfahrer. Dazu sind Straßen- und Stadtbahnen unterwegs. All das führt zu einer großen Vielfalt an Verkehrssituationen und zu sehr spezifischen Risiken“, so Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und verantwortlich für die Business Unit Automotive. „In Anbetracht der Prognosen, dass die Städte weiter wachsen und damit auch der urbane Verkehr zunimmt, gilt es erst recht, alle Möglichkeiten mit Blick auf die Verbesserung der Verkehrssicherheit im urbanen Raum zu nutzen.“

EU-Parlamentarier diskutieren mit DEKRA Experten
In der Diskussion beim Parlamentarischen Abend von DEKRA in Brüssel unterstrichen Europa-Abgeordnete die wachsende Bedeutung des Zusammenspiels von Mensch und Technik für die Verkehrssicherheit. So erklärte der verkehrspolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Ismail Ertug: „Es muss klar sein, dass die Verantwortung letztendlich beim Fahrer liegt. Allerdings belegen aktuelle Studien eindeutig, dass das Unfallrisiko mithilfe von Fahrerassistenzsystemen deutlich reduziert werden kann. Daher wäre es mehr als fahrlässig, diese technischen Möglichkeiten zur Unterstützung des Fahrers nicht zu nutzen.“

Sein Kollege, der Stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Europäischen Parlament, Dr. Dieter-Lebrecht Koch (CDU), sagte: „Elektronische Fahrerassistenzsysteme helfen dabei, Unfälle zu vermeiden, und tragen somit zur Erhöhung der Straßenverkehrssicherheit bei. Sie ersetzen jedoch den aufmerksamen Fahrer genauso wenig wie das verantwortungsbewusste Handeln aller Verkehrsteilnehmer – Fußgänger und Radfahrer eingeschlossen.“

Folgenschwere Unfälle bei Kollisionen mit Fußgängern
Kollisionen zwischen Fahrzeugen und Fußgängern sind in der Regel die folgenschwersten Unfälle im urbanen Raum. „Dass Fußgänger und Radfahrer weit überdurchschnittlich gefährdet sind, zeigt auch eine Auswertung der Unfallzahlen im Hinblick auf das Risiko für unterschiedliche Verkehrsteilnehmer“, so Clemens Klinke. „Zum Beispiel ist das Risiko für einen Fußgänger, innerorts bei einem Unfall getötet zu werden, um mehr als das Zehnfache höher als etwa für Pkw-Insassen.“ Besonders sicher sind nach dieser Auswertung die Insassen von öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Sehr gefährlich sind dagegen Kollisionen mit einer Stadt- oder Straßenbahn, auch hier insbesondere für Fußgänger oder Radfahrer.

„Vision Zero“ ist keine Utopie
Wenn es um die qualitative Beschreibung von Verkehrssicherheit geht, fällt oft der Begriff „Vision Zero“. Das Ziel: keine durch Unfälle getöteten Verkehrsteilnehmer. „Von dieser Vision, die der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sich auf die Fahnen geschrieben hat, sind wir zwar insgesamt noch relativ weit entfernt. Trotzdem ist sie keine Utopie“, so DEKRA Vorstand Klinke. „Es gibt viele Städte in Europa, die dieses Ziel in den letzten Jahren schon erreicht haben.“

Eine Auswertung der Unfallstatistiken von 2009 bis 2012 durch die DEKRA Unfallforschung zeigt, dass hunderte von Städten über 50.000 Einwohner in mindestens einem Jahr null Verkehrstote gezählt haben. In den ursprünglich 17 untersuchten Ländern zählten die Experten 462 Städte – das sind mehr als 40 Prozent aller Städte dieser Größe. 16 Städte verzeichneten während des gesamten Zeitraums keinen einzigen Verkehrstoten. In den 17 Ländern haben knapp ein Viertel der Großstädte über 100.000 Einwohner das Ziel mindestens einmal erreicht. Darunter sind sogar mehrere Städte mit über 200.000 Einwohnern, unter anderem Espoo (Finnland, 259.000 Einwohner), Aachen (Deutschland, 260.000) und Nottingham (Großbritannien, 289.000).

Größte Stadt je Land mit null Verkehrstoten in mindestens einem Jahr zwischen 2009 und 2012

Einen interessanten Überblick über die Städte ohne Verkehrstote gibt das von der DEKRA Unfallforschung entwickelte Online-Tool unter www.dekra-vision-zero.com.

Zusammenspiel von Mensch, Fahrzeugtechnik und Infrastruktur
Um der „Vision Zero“ speziell in den Städten auch in den kommenden Jahren ein weiteres Stück näher zu kommen, haben die DEKRA Experten eine Reihe von Handlungsfeldern identifiziert. Ganz oben steht dabei das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. „Mehr kooperatives Miteinander im Straßenverkehr ist ein Muss,“ so Clemens Klinke. „Zu oft sind mangelndes Risikobewusstsein, zu wenig Rücksicht und manchmal auch Aggression die Ursachen für Unfälle mit Personen- und Sachschaden.“ Häufig fehle es außerdem an der nötigen Kenntnis und Akzeptanz von Verkehrsregeln sowie an der Fähigkeit, sich in andere Verkehrsteilnehmer hineinzuversetzen – also etwa als Pkw-Fahrer die Perspektive eines Radfahrers zu übernehmen oder umgekehrt.

Ein großes Potenzial, Unfälle zu vermeiden, bieten elektronische Fahrerassistenzsysteme. Sie können bis zu einem gewissen Grad auch Gefahrensituationen kompensieren, die durch Unachtsamkeit oder Fehlverhalten entstehen. Das gilt etwa für Systeme zum Fußgängerschutz, die querende Fußgänger erkennen, den Fahrer warnen und notfalls selbst bremsen. Eine Testanlage für solche Systeme hat DEKRA im Sommer 2013 im brandenburgischen Klettwitz in Betrieb genommen. Weitere Beispiele für Fahrassistenzsysteme mit großem Potenzial im Innerorts-Bereich sind unter anderem der Totwinkel-Assistent, der Spurwechsel-Assistent oder die Querverkehrswarnung. Ziel muss es laut DEKRA sein, die Ausstattungsquoten neuer Fahrzeuge mit derartigen Systemen deutlich zu erhöhen.

Im urbanen Bereich trägt außerdem die Infrastruktur in hohem Maße zur Verkehrssicherheit bei. Ob Kreuzungsbereiche, mehrstreifige Straßen oder Haltestellen: Alle komplexen Verkehrssituationen müssen für alle Verkehrsteilnehmer möglichst begreifbar gestaltet werden. Zentrale Anliegen sollten darüber hinaus die Optimierung von innerstädtischen Radwegen und die Anpassung der Straßenbeleuchtung an den Stand der Technik sein.

DEKRA Engagement für mehr Verkehrssicherheit
Wie die Vorgänger-Reports seit 2008 ist auch der neueste DEKRA Verkehrssicherheitsreport weit mehr als eine Ansammlung von Fakten über den Ist-Zustand. Der Report soll Denkanstöße liefern für Politik, Verkehrsexperten, Hersteller, wissenschaftliche Institutionen sowie Verbände. Zugleich soll er Ratgeber sein für alle Verkehrsteilnehmer.

DEKRA engagiert sich gemäß seiner Satzung seit fast 90 Jahren für die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Die Expertenorganisation gehört zu den Erstunterzeichnern der EU-Charta für Verkehrssicherheit und unterstützt nachhaltig das von der EU neu aufgelegte Aktionsprogramm zur erneuten Halbierung der Zahl der Verkehrstoten bis 2020. In nationalen und internationalen Gremien sind die Sachverständigen von DEKRA als kompetente Gesprächspartner geschätzt.

Der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2014 steht online unter www.dekra.de/verkehrssicherheitsreport-2014 zum Download sowie als Blätterkatalog zur Verfügung.
 

DEKRA Forderungen für mehr Verkehrssicherheit in Städten

  • Straßenverkehr als soziales Miteinander verstehen: höheres Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Verkehrsteilnehmers
  • Aktive und aufmerksame Teilnahme am Straßenverkehr (auf Kopfhörer verzichten, nicht unterwegs Textnachrichten schreiben etc.)
  • Frühestmögliche Verkehrserziehung im Vorschul- bzw. Grundschulalter
  • Gezieltere Verkehrskontrollen (nicht nur in Sachen Geschwindigkeit) an bekannten Unfallschwerpunkten und in Risikobereichen
  • 100-prozentige Nutzung vorgeschriebener Rückhaltesysteme (Sicherheitsgurte und Kindersitze)
  • Noch stärkere Marktdurchsetzung mit elektronischen Fahrerassistenzsystemen
  • Gewährleistung der Funktionsfähigkeit mechanischer und elektronischer Komponenten der Fahrzeugsicherheit über das gesamte Fahrzeugleben
  • Nachhaltige Optimierung der Infrastruktur bei Unterhalt und Ausbau
  • Intelligente Verknüpfung der Verkehrsträger weiter voranbringen
  • Ausbau des ÖPNV im städtischen und ländlichen Bereich zur Entlastung des Straßennetzes sowie zur Sicherstellung der Mobilität – auch unter Berücksichtigung des demographischen Wandels.

Bildunterschrift:

DEKRA präsentiert Verkehrssicherheitsreport 2014 in Brüssel: (v.l.n.r.):
Oliver Deiters, Geschäftsführer der Vertretung bei der EU, DEKRA e.V.; Stefan Kölbl, Vorsitzender des Vorstands DEKRA e.V. und DEKRA SE; Jean-Paul Denanot, Mitglied des Europäischen Parlaments; Ismail Ertug, Mitglied des Europäischen Parlaments; Dr. Dieter-Lebrecht Koch, Mitglied des Europäischen Parlaments; Johannes Jung, Leiter der Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der EU; Clemens Klinke, Vorstandsmitglied DEKRA SE
(Bildquelle: ALC Productions Alexander Louvet)


Pressekontakt:
Wolfgang Sigloch
Telefon +49.711.7861-2386

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