Wenn Autos miteinander sprechen
Ein Lkw steht an der Kreuzung, blockiert die Sicht. Hinter ihm nähert sich ein Auto, von rechts rollt ein Radfahrer heran. Wer zuerst fährt, wer wartet – das entscheidet in der Realität oft über schwere Verletzungen oder Schlimmeres. Doch an diesem Februartag in Genf bleibt es ruhig. Noch bevor die Beteiligten die Gefahr überblicken, melden Sensorik und Funk: Achtung, Kollisionsrisiko. Das Auto bremst, der Radfahrer fährt sicher weiter.
Diese Szene ist kein Zukunftsbild, sondern Teil einer Live-Demonstration von DEKRA beim Inland Transport Committee (ITC) der Vereinten Nationen. Vor den Augen internationaler Verkehrspolitikerinnen und -politiker zeigt das Team, welches Potenzial in der V2X-Kommunikation – „Vehicle to Everything“ – steckt, um ungeschützte Verkehrsteilnehmende besser zu schützen.
Hintergrund sind harte Zahlen: In der EU verloren 2023 rund 20.400 Menschen bei Verkehrsunfällen ihr Leben, viele von ihnen Radfahrende. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Stadtverkehr – 40 Prozent aller Verkehrstoten in der EU-27 verunglücken auf innerörtlichen Straßen, 70 Prozent davon sind verletzliche Verkehrsteilnehmende. 57 Prozent aller getöteten Radfahrenden sterben auf Stadtstraßen, häufig in komplexen Kreuzungssituationen. Aber auch ländliche Straßen sind kritisch: Sie machen im Drei-Jahres-Schnitt mehr als die Hälfte aller Verkehrstoten aus, 43 Prozent der tödlich verunglückten Radfahrenden kommen dort ums Leben. In beiden Welten – Stadt und Land – setzt V2X an: durch frühere Wahrnehmung, gerade dann, wenn Sicht versperrt ist oder Geschwindigkeitsunterschiede besonders groß sind.
Alltagssituationen, die über Leben und Tod entscheiden
Für Christoph Nolte, Executive Vice President von DEKRA und Leiter der Service Division Vehicles, ist die Szene an der Kreuzung mehr als ein Testaufbau. Es ist ein Abbild des täglichen Risikos im Straßenverkehr:
„Ungeschützte Verkehrsteilnehmende wie Radfahrer und Fußgänger sind auf unseren Straßen einem hohen Verletzungs- oder Todesrisiko ausgesetzt. Das zeigen alle Statistiken“, sagt Nolte. „Mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle mit Radfahrenden in der EU ereignen sich innerorts, oft in komplexen Kreuzungssituationen.“
Genau diese Situationen übersetzt DEKRA in konkrete V2X-Anwendungen. Drei Szenarien stehen dabei im Fokus der Demonstration in Genf:
- Ein Auto und ein Radfahrer nähern sich einer Kreuzung, ein Lkw versperrt die Sicht.
- Ein Auto kommt von hinten auf einen langsam fahrenden Radfahrer zu.
- Ein Auto biegt ab und kreuzt dabei unvermittelt die Spur eines Radfahrers.
Hinter jedem dieser Szenarien steckt ein präziser Anwendungsfall. Beim „Intersection Movement Assist“ überbrückt V2X den toten Winkel: Ein Auto rollt auf eine Haltelinie zu, während ein Lkw dem Fahrer die Sicht in den Kreuzungsbereich nimmt. Ein herannahender Radfahrer sendet seine Position – im Auto erscheint eine Warnmeldung, gleichzeitig beginnt das Frontlicht des Fahrrads zu blinken. So entsteht Bewusstsein für eine Gefahrensituation, lange bevor sich Fahrer und Radfahrender sehen können.
Auf der Landstraße greift das Szenario „Slow Cyclist Ahead“ denselben Mechanismus auf – mit anderen Vorzeichen. Ein Auto nähert sich einem Radfahrer von hinten, die Annäherungsgeschwindigkeit ist hoch, das Reaktionsfenster kurz. Über V2X erhält die Fahrerin oder der Fahrer frühzeitig eine Information im Fahrzeug, während das Rücklicht des Rads aufleuchtet. Das signalisiert: Hier ist ein langsamer Verkehrsteilnehmer unterwegs, Geschwindigkeit anpassen, Überholmanöver vorbereiten. Und beim dritten Szenario – ein abbiegendes Auto kreuzt die Spur eines Radfahrers – warnt das System vor dem Abbiegevorgang und hebt durch ein blinkendes Rücklicht die Präsenz des Radfahrers hervor, damit der Fahrer die Linie des Rads antizipieren kann und nicht in dessen Fahrweg schneidet.
Was alle drei Fälle verbindet: Für Menschen sind sie schwer einzuschätzen, weil Sicht, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit begrenzt sind. V2X-Kommunikation erweitert diesen Wahrnehmungsraum. Fahrzeuge und Infrastruktur tauschen Daten aus, warnen vor verborgenen Gefahren und schaffen so wertvolle Sekunden, um zu bremsen oder das Fahrverhalten anzupassen.
„Unser Bewusstsein basiert auf Wahrnehmung, daher kann es einen großen Unterschied machen, wenn wir frühzeitig auf kritische Situationen aufmerksam gemacht werden“, erklärt Nolte. „V2X hat das Potenzial, Verkehrsteilnehmer auf eine drohende kritische Situation hinzuweisen, bevor sie diese selbst wahrnehmen könnten. Das bedeutet eine völlig neue Dimension von Sicherheit.“
Coalition for Cyclist Safety: Branchenübergreifend für Vision Zero
Hinter der Demonstration in Genf steht ein Bündnis, das ein gemeinsames Ziel verfolgt: weniger schwere Unfälle, mehr Sicherheit für ungeschützte Verkehrsteilnehmende. Die Coalition for Cyclist Safety wurde 2023 gegründet und bringt Expertinnen und Experten aus Telekommunikation, Automobil- und Technologiebranche zusammen. Ihr Auftrag: die flächendeckende Einführung von V2X-Technologie vorantreiben – mit besonderem Fokus auf Radfahrende und andere Verletzliche im Straßenverkehr.
Unternehmen wie Volkswagen, Bosch eBike Systems und Commsignia sowie Partner wie ADP Engineering und Bulls Bikes / ZEG unterstützen die DEKRA Demonstration beim ITC. Die Idee: Wenn Fahrzeuge, Infrastruktur und Fahrräder miteinander „sprechen“, können gefährliche Situationen erkannt werden, ehe sie eskalieren.
Damit zahlt die Coalition auf die globale Initiative „Vision Zero“ ein – die Vision einer Welt ohne Verkehrstote. Für DEKRA ist das ein logischer Schritt: Seit 1925 arbeitet das Unternehmen daran, Risiken zu erkennen, zu verstehen und beherrschbar zu machen.
„Seit seiner Gründung im Jahr 1925 setzt sich DEKRA für die Sicherheit im Straßenverkehr ein. Daran hat sich auch 100 Jahre später im Kern nichts geändert“, betont Christoph Nolte. „Wir fühlen uns geehrt, dass wir erneut die Chance haben, zu den wichtigen Diskussionen auf der ITC-Jahrestagung beizutragen – im Sinne von richtigen Entscheidungen für den Verkehr von morgen.“
Politik, Regulierung und Technologie an einem Tisch
Das Inland Transport Committee der UNECE ist das höchste Entscheidungsgremium der Vereinten Nationen für den Landverkehr. Unter dem Titel „Innovationen für die Zukunft des Binnenverkehrs vorantreiben“ diskutiert die 88. Sitzung in Genf, wie neue Technologien verantwortungsvoll eingesetzt werden können – mit einem klaren Ziel: den Verkehr sicherer, umweltfreundlicher und widerstandsfähiger zu machen.
„Das diesjährige Thema ‚Driving Innovation for the Future of Inland Transport‘, könnte nicht aktueller sein. Unser Sektor steht vor dringenden Aufgaben: zu dekarbonisieren, sich in das breitere Energie- und digitale Ökosystem zu integrieren und Sicherheit in einer zunehmend komplexen Mobilitätslandschaft zu gewährleisten“, sagt Christoph Nolte.
Für DEKRA ist die Präsenz vor Ort strategisch wichtig. Die Demonstrationen machen erlebbar, wie technische Innovation und Regulierung zusammenspielen müssen, damit aus Prototypen gelebte Praxis wird. Wissenschaftlich fundierte, interoperable Regularien schaffen die Basis dafür, dass V2X-Lösungen nicht nur in Pilotprojekten funktionieren, sondern im Alltag.
Mit 100 Jahren Erfahrung in der Verkehrssicherheitsforschung, in Prüfungen und Zertifizierung bringt DEKRA eine besondere Perspektive ein: als unabhängiger Partner zwischen Industrie, Politik und Zivilgesellschaft. Die Botschaft in Genf: Nur wenn Vertrauen in neue Technologien besteht – gestützt durch transparente Prüfprozesse und klare Standards – können sie ihr volles Potenzial für die Sicherheit auf der Straße entfalten.
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