Ein Sommerabend, das Verdeck unten, der Motor unter der langen Haube brummt leise vor sich hin. So sah für viele Autofans der 1960er-Jahre der Inbegriff von Freiheit aus. Heute ist dieses Bild selten geworden. Cabrios verschwinden zunehmend aus dem Straßenbild. Zeit, zurückzublicken auf eine Ära, die den Sportwagen für immer prägte.
Bescheidene Anfänge
In den 1950er-Jahren war das offene Fahren in Deutschland noch ein Luxusgut. Selbst beim VW Käfer, dem meistverkauften Auto seiner Zeit, machte die Cabrio-Version gerade einmal 1,7 Prozent aller gebauten Fahrzeuge aus. Offene Karosserien galten als teuer und aufwändig in der Fertigung. Wer Freude an der frischen Luft haben wollte, musste dafür tief in die Tasche greifen.
Das änderte sich in den 1960er-Jahren grundlegend. Offene Zweisitzer erlebten einen regelrechten Boom. Auch die Filmindustrie trug ihren Teil dazu bei: Als Anita Ekberg sich 1960 in Fellinis „La Dolce Vita“ in einem Triumph TR3A durch das nächtliche Rom chauffieren ließ, wurde daraus mehr als eine Filmszene – sie wurde zum Sinnbild eines ganzen Lebensgefühls. Ganz ähnlich verhielt es sich 1978 in „Grease“, wo mit „Greased Lightnin'“ aus einem simplen Cabrio-Umbau ein Symbol für Selbstbewusstsein und jugendliche Rebellion wurde. Cabrios standen für Lebensfreude, für Unabhängigkeit, für einen Hauch von Glamour.
Zwei wegbereitende Nationen
Kaum jemand prägte den Roadster dieser Zeit so sehr wie die britischen Hersteller. MG, Triumph und Austin-Healey bauten kompakte, bezahlbare Sportwagen, die nicht nur in Europa, sondern auch in den USA reißenden Absatz fanden. Der MG A etwa ging zu großen Teilen in den Export: Allein zwischen 1955 und 1962 lieferte MG rund 81.000 Exemplare in die Vereinigten Staaten und somit 80 Prozent der gesamten Produktion.
Während die Briten mit robustem Understatement überzeugten, setzten italienische Hersteller einen ganz eigenen Akzent. Der Alfa Romeo Spider, ab 1966 gebaut, verkörperte das leichtfüßige Lebensgefühl: elegant, temperamentvoll, unverkennbar italienisch. Zwei Philosophien mit dem gemeinsamen Ziel, das Gefühl von Fahrtwind und Freiheit in Serie zu bringen.
Ein schleichendes Ende
Was in den 1960er-Jahren seinen Höhepunkt erlebte, geriet in den folgenden Jahrzehnten zunehmend unter Druck. Die britische Automobilindustrie durchlief eine tiefe Krise. Zusammenschlüsse mehrerer Marken unter einem Dach brachten wirtschaftliche Probleme statt Synergien. Als die USA 1972 ihre Abgasvorschriften verschärften, wählte der Hersteller British Leyland den einfachsten Ausweg: eine Verringerung der Verdichtung im Motor – zu Lasten der Fahrleistung. Ein Beispiel dafür, wie äußere Zwänge und mangelnder Weitblick den Niedergang eines ganzen Segments beschleunigen konnten. Der Glanz der britischen Roadster verblasste, und mit ihm ein ganzes Kapitel automobiler Geschichte.
Und heute?
Auch der moderne Cabrio-Markt kämpft: Die Zahl der Neuzulassungen sinkt seit Jahren. 2007 wurden in Deutschland noch rund 138.000 Cabrios neu zugelassen, 2024 waren es nur noch etwa 44.000 – ein Rückgang um fast zwei Drittel. Viele Hersteller haben ihre offenen Modelle ganz aus dem Programm genommen, da andere Prioritäten die automobile Gegenwart prägen, wie Aerodynamik und Effizienz. Wo früher das Cabrio für Freiheit stand, übernimmt heute oft das SUV die Rolle des Statussymbols. Dabei vermittelt es allerdings vor allem ein Gefühl von Sicherheit, nicht von Unabhängigkeit.
Doch ein Blick auf den Oldtimer-Markt zeigt, der Roadster ist keineswegs verschwunden, sondern gemeinsam mit klassischen Cabrios immer noch sehr beliebt. Das zeigt sich sogar innerhalb ein und desselben Modells: Beim bereits thematisierten VW Käfer etwa liegt das Cabrio deutlich über dem Wert der geschlossenen Varianten. Während ein Käfer 1300 S als Limousine bei rund 8.000 Euro rangiert, wird für ein vergleichbares 1302 LS Cabrio mehr als das Doppelte aufgerufen, was natürlich auch mit seiner Seltenheit zusammenhängt. Aber auch der allgemeine Markttrend spricht für offene Fahrzeuge, so werden bei jüngeren Klassikern aktuell vor allem Sportwagen, Coupés und Roadster gesucht. Wer heute offen fahren möchte, findet dieses Gefühl seltener im Autohaus, dafür umso öfter in der Garage eines Liebhabers.
Ein Stück Geschichte, das bleibt
Die Roadster-Ära war kurz, aber prägend. Sie zeigt, wie schnell ein ganzes automobiles Segment entstehen und wieder verschwinden kann. Wer heute einen klassischen Roadster besitzt, bewahrt damit ein Stück automobiler Geschichte und ein Fahrgefühl, das es in dieser Form nicht mehr zu kaufen gibt.