Fahrsimulator-Experiment von DEKRA und Partnern:

Cannabis am Steuer: Weniger Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, aber nicht mehr Vorsicht

24. Sept. 2026
  • Befragung, Blutproben und Simulator-Fahrt vor und nach dem Konsum
  • Mittlere Geschwindigkeit nahm unter Cannabis-Einfluss zu
  • Selbsteinschätzung des THC-Blutwerts ist oftmals schwierig

Weniger Vertrauen ins eigene Fahrkönnen, aber höheres Tempo: Wer sich nach dem Konsum von Cannabis ans Steuer setzt, fährt offenbar nicht automatisch vorsichtiger. Im Gegenteil: Die Ergebnisse eines neuen Fahrsimulator-Experiments von DEKRA gemeinsam mit dem Lehrstuhl Ingenieurpsychologie der TU Dresden und dem Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zeigen, dass die Geschwindigkeit nach dem Cannabis-Konsum zum Teil deutlich zunahm.

An der Studie über den Einfluss von Cannabis-Konsum auf die Einschätzung der eigenen Fahrfähigkeiten, auf die selbst erlebte Beeinträchtigung sowie auf das tatsächliche Fahrverhalten waren 41 Versuchspersonen mit Führerschein und praktischer Fahrerfahrung im Durchschnittsalter von gut 24 Jahren beteiligt. Sie wurden mehrmals befragt und gaben mehrere Blutproben ab, je einmal vor dem Konsum und viermal danach. Drei Mal fuhren sie jeweils 20 Minuten im Simulator: zuerst nüchtern, dann eine halbe Stunde nach dem Cannabis-Konsum und schließlich zwei Stunden nach dem Konsum. „Für den Konsum wurden die Teilnehmenden aufgefordert, von selbst mitgebrachtem Cannabis eine für sie übliche ‚typische Feierabend-Dosis zum Entspannen‘ zu sich zu nehmen“, erklärt Dr. Thomas Wagner, Verkehrspsychologe und Leiter der amtlich anerkannten Begutachtungsstellen für Fahreignung bei DEKRA.
Wie stark man sich beeinträchtigt fühlt, wurde auf einer fünfstufigen Skala von „nicht merkbar“ bis „stark“ abgefragt. Eine halbe Stunde nach dem Cannabis-Konsum fühlten sich 63 % der Versuchspersonen leicht beeinträchtigt, nach zwei Stunden waren es noch 49 %. Eine stärkere Beeinträchtigung gab niemand an.
Gefragt nach der Selbsteinschätzung der eigenen Fahrsicherheit, d.h. ob man im aktuellen Zustand Auto fahren würde, fühlten sich vor der nüchternen Fahrt alle Probanden fahrsicher, eine halbe Stunde nach Cannabis-Konsum 17 % und zwei Stunden nach dem Konsum wieder 49 %. Bei Teilnehmenden, die häufiger Cannabis konsumieren, zeigte sich ein geringerer Einfluss des tatsächlichen THC-Blutwerts auf die Selbsteinschätzung als bei Probanden, die das seltener tun.

Wie verändert sich das Fahrverhalten nach Cannabis-Konsum?

Zur Analyse des Fahrverhaltens während der Simulator-Fahrten wurden die Geschwindigkeit und die Genauigkeit beim Spurverhalten auf einem 800 m langen, schmalen Landstraßen-Abschnitt ohne Mittelmarkierung ausgewertet. Die Geschwindigkeitsbegrenzung betrug 80 km/h. Es gab keine kritischen Situationen, die eine Reaktion erforderten, so dass die Probanden ungehindert auf ihrer Spur fahren konnten.
Für die Wissenschaftler besonders auffällig waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrten mit Blick auf die mittlere Geschwindigkeit: Bei den Fahrten nach Cannabis-Konsum wurde zunehmend schneller gefahren als nüchtern. Jeder zehnte Proband fuhr zum Teil deutlich schneller als erlaubt. Untersucht wurde auch, wie gut die Versuchspersonen die Spur hielten. Unter Cannabis-Einfluss zeigten 39 % (30 Minuten nach Konsum) bzw. 32 % (zwei Stunden nach Konsum) von ihnen erhebliche Abweichungen von der idealen Fahrspur. Es gab allerdings auch Probanden, die sich in dieser Hinsicht nach dem Cannabis-Konsum gegenüber der nüchternen Fahrt verbesserten.
Insgesamt waren die THC-Blutwerte bei allen Beteiligten relativ gering. „Der niedrige Intoxikationsgrad der Probanden, die sich überwiegend als Gelegenheitskonsumenten einstuften, spiegelt sich in der Selbsteinschätzung einer leichten Beeinträchtigung wider, ebenso in einer reduzierten Einschätzung von Fahrsicherheit und in einem weniger optimistischen Selbstvertrauen in die eigenen Fahrfähigkeiten“, sagt Dr. Thomas Wagner.
Im Gegensatz zu anderen Studien wurde keine Verringerung der mittleren Geschwindigkeit nach dem Cannabis-Konsum festgestellt. Im Gegenteil: Die Fahrgeschwindigkeit stieg an. „Das lässt angesichts der Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 km/h auf einen tendenziell sorgloseren Umgang mit Vorschriften im Straßenverkehr schließen“, so der Verkehrspsychologe. „Zusammenfassend kann man sagen: Die Probanden hatten nach dem Cannabis-Konsum weniger Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten am Steuer, fuhren deshalb aber keineswegs vorsichtiger.“

Selbsteinschätzung ist oftmals schwierig

Ein Problem für die Selbsteinschätzung ist auch die Tatsache, dass die etwa in einem „Joint“ enthaltene Menge an THC stark schwanken kann. Die Konsumierenden haben deshalb oft keinen Anhaltspunkt, wie viel THC sie tatsächlich aufnehmen. „Cannabis beeinflusst, wie alle psychoaktiven Stoffe, unser Nervensystem und damit Komponenten der Leistungsfähigkeit, die für das sichere Führen von Fahrzeugen unverzichtbar sind“, so Dr. Thomas Wagner. „Die in unserem Experiment gezeigte Diskrepanz zwischen der selbst erlebten Beeinträchtigung einerseits und dem Fahrverhalten andererseits, das dadurch nicht defensiver wird, ist ein weiteres Argument dafür, bei THC-Grenzwerten am Steuer keine Kompromisse auf Kosten der Sicherheit einzugehen.“
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