DEKRA Sachverständige an historischem Dampf-Auto
Prüfung unter Hochdruck an einem ganz besonderen Oldtimer
24. Aug. 2026- Mehr als 100 Jahre altes Fahrzeug aus den USA
- Kerosinbrenner erhitzt Wasser zur Dampf-Erzeugung
- Festigkeitsprüfung des Druckbehälters steht alle zwei Jahre an
Wer heute an alternative Antriebe denkt, hat meist Elektroautos, Wasserstoff- oder Erdgassysteme im Kopf. Doch schon in den Anfangszeiten des Automobilbaus nutzten findige Ingenieure Wasserdampf, um Straßenfahrzeuge anzutreiben. Ein seltenes, 102 Jahre altes Exemplar eines „Stanley Steamer“ wurde vor Kurzem wieder von DEKRA geprüft. Anders als bei Fahrzeugen mit konventionellem Antrieb ist es mit der üblichen Hauptuntersuchung (HU) nicht getan – regelmäßig müssen beim Dampfkesselfahrzeug die Drucksachverständigen ran.
Da steht er: ein kobaltblauer Stanley Steamer 750 B aus dem Jahr 1924. Holzspeichenräder, Ledersitze und der markante Kühler mit Stanley-Schriftzug machen sofort deutlich: Dieser Oldtimer stammt aus einer anderen Zeit. Unter den zahlreichen Klassikern in der Halle von Sammler Jörg Pühler in Ladenburg ist er jedoch nicht nur der schönste – sondern auch der technisch außergewöhnlichste.
Das viertletzte von mehr als 10.000 Autos
Insgesamt mehr als 10.000 Dampfautos produzierte die „Stanley Motor Carriage Company“ in Newton, Massachusetts (USA), in den Jahren von 1898 bis 1924. Das Fahrzeug von Jörg Pühler ist das viertletzte aus der Produktion. Es wurde in den 1960er Jahren in den USA zum ersten Mal restauriert und kam 2010 nach England. Dort kaufte es der deutsche Sammler 2017.
Im Sommer 2026 hat Franziska Ellinghaus, Drucksachverständige an der DEKRA Niederlassung Heilbronn, gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Czech die Aufgabe, die alle zwei Jahre vorgeschriebene Festigkeitsprüfung des Kessels durchzuführen. Natürlich ist Besitzer Jörg Pühler auch dabei. Er hat schon den Brenner abmontiert, damit die Prüferin besser von unten an den Kessel und die Rauchgasrohre kommt.
Die Prüfung beinhaltet – im Gegensatz zur HU, die der Stanley gesondert absolvieren muss – keine fahrzeugtechnischen Bauteile wie Räder, Bremsen oder Beleuchtung. Im Mittelpunkt stehen der Dampfkessel und seine Anbauten als zentrale und besonders sicherheitsrelevante Bauteile.
Wie funktioniert der Dampfantrieb?
Im Kessel werden zwischen 40 und 50 Liter Wasser mithilfe eines Kerosinbrenners erhitzt. Der entstehende Dampf wird mit hohem Druck über Schieber in die zwei Zylinder des Dampfmotors nahe der Hinterachse geleitet und treibt dort die Kolben an. „Der Betriebsdruck im Kessel liegt bei etwa 42 bar“, erklärt Prüferin Franziska Ellinghaus. Zum Vergleich: Ein Autoreifen wird zwischen 2 und 3 bar aufgepumpt.
Zur Festigkeitsprüfung erhöht die DEKRA Expertin den Druck auf weit über 60 bar. Dieser Prüfdruck ist vorgeschrieben und muss eine halbe Stunde lang gehalten werden, um die Sicherheit der Anlage zu gewährleisten. Während das Manometer, das an eine Druckpumpe angeschlossen wird, langsam klettert, antwortet die Prüferin auf die Frage, ob sie denn angesichts des enormen Drucks Angst habe: „Nein, nicht wirklich“, sagt sie ruhig. „Ich habe Respekt vor der Sache, aber wenn ich Angst hätte, müsste ich mir einen anderen Job suchen.“
Hoher Prüfdruck muss gehalten werden
Als der Prüfdruck erreicht ist, beginnt der wohl spannendste Teil der rund einstündigen Prüfung: warten und kontrollieren. Immer wieder wandert der Blick der Prüferin zum Manometer. Jeder Druckabfall wäre ein Hinweis darauf, dass irgendwo Wasser entweicht. Sorgfältig inspiziert sie sämtliche Leitungen, Verbindungen und den Kessel selbst. Tropft es irgendwo? Bilden sich feine Wasserperlen? Bleibt alles trocken?
Zuletzt begibt sich die Prüferin direkt unter den Kessel, wo sich die Heizspirale und die Rauchgasrohre befinden. Die in einem Kreis von etwa 75 Zentimetern Durchmesser angeordneten Röhren bringen im Fahrbetrieb das Wasser zum Verdampfen. Auch hier sollten sich keine Tröpfchen ausbilden. Ellinghaus achtet zusätzlich auf Ablagerungen, die abplatzen könnten.
Jörg Pühler verfolgt das alles mit Neugier und sichtbarer Begeisterung. Der Besitzer des Stanley Steamer kennt jede Schraube seines außergewöhnlichen Fahrzeugs. Nach dem Kauf in England hat er das Fahrzeug komplett zerlegt. „Ich kann nicht sagen, ob es die Neugier war, alle Details zu erforschen, oder die kleinen Fehler hier und da, die mich dazu getrieben haben“, sagt Pühler.
Insgesamt vier Jahre lang restaurierte er das Fahrzeug. Nachdem er es wieder fahrbereit hatte, blieb seine Suche in Deutschland nach Experten für die Festigkeitsprüfung lange erfolglos: „Viele konnten mit einem Dampfkessel im Auto und über 40 bar Betriebsdruck nichts anfangen. Erst über einen Freund bin ich auf DEKRA in Heilbronn gestoßen. Dort konnte man mir helfen“, erzählt der Sammler.
Noch einmal wandert der Blick der Prüferin zum Manometer. Der Zeiger bleibt unbeweglich. Auch an den Leitungen und unter dem Kessel ist weiterhin alles trocken. Erst jetzt entspannt sich die Atmosphäre: Der Dampfkessel, der 2013 in England nach Original-Zeichnungen neu gefertigt wurde und den ursprünglichen ersetzt, hat die Belastungsprobe bestanden. Für Franziska Ellinghaus endet damit eine ganz besondere Prüfung. Für Jörg Pühler ist es die Gewissheit, dass sein außergewöhnlicher Stanley Steamer auch künftig sicher „dampfen“ darf.
- Die DEKRA Drucksachverständige Franziska Ellinghaus überprüft Heizspirale und Rauchgasrohre des Stanley Steamer auf Undichtigkeiten, die sich durch Wasserperlen oder Tropfen zeigen würden.(WEBP, 192.1 KB)
- Teilzerlegt für die Festigkeitsprüfung des Druckkessels: der Stanley Steamer 750 B.(WEBP, 192.5 KB)
- Oldtimer-Sammler Jörg Pühler (links) zeigt den DEKRA Drucksachverständigen Franziska Ellinghaus und Alexander Czech die Unterlagen zu seinem Stanley Dampfauto.(WEBP, 177.2 KB)
- Presseinformation: Prüfung unter Hochdruck an einem ganz besonderen Oldtimer(PDF, 67.8 KB)