Rettung an der Hafenkante: Wenn jede Sekunde zählt
Author: Alexander Föll
28. Okt. 2026KonzernMit seiner Erfindung für den Kieler Hafen hat Frank Klug, Mitarbeiter der örtlichen DEKRA Niederlassung, eine Lücke in der Rettung von Ertrinkenden in Häfen geschlossen. Der „Harbour Hoist" ist ein kleines und einfach zu bedienendes System zur Personenrettung auf einer mobilen Plattform, das für die besonderen Bedingungen in Fracht- und Kreuzfahrthäfen geeignet ist. In Zukunft könnte er in den Häfen der Welt für mehr Sicherheit sorgen
Zwischen Kaimauer und Schiff: Warum Wasserrettung im Hafenbecken so schwierig ist
Ein Mensch stürzt im Hafenbecken ins Wasser – was tun? Viele Faktoren erschweren in einem großen Seehafen die Bergung von Ertrinkenden, wie zum Beispiel die fünf bis zehn Meter hohe Kaimauer. Oder die langen Strecken, die von Rettungskräften zurückgelegt werden müssen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Und das Zeitfenster ist klein: Zwischen fünf Minuten und einer halben Stunde kann ein Mensch in kaltem Wasser überleben.
Wie oft derlei Unglücke europaweit passieren, lässt sich mangels einheitlicher Erfassung nur grob abschätzen. Auf Basis verfügbarer Hafen- und Sicherheitsdaten dürfte es sich aber um mehrere Hundert „Person-im-Wasser"-Ereignisse pro Jahr handeln.
Mit der Frage, wie Verunglückte im Kieler Hafen schnell und sicher aus dem Wasser geborgen werden können, beschäftigt sich dessen Betriebsleiter Christian Hainke schon länger intensiv. Mit rund acht Millionen Tonnen Güterumschlag und über 2,8 Millionen Passagieren zählt der „Port of Kiel“ zu den vielseitigsten und bedeutendsten Fähr- und Kreuzfahrthäfen im gesamten Ostseeraum.
Mehr Sicherheit im Hafen: Harbour Hoist als smartes Wasserrettungssystem
Erste Versuche zur Personenrettung mit der örtlichen DLRG und der Feuerwehr zeigten Hainke deutlich: Es braucht eine Lösung, die im Ernstfall direkt vor Ort verfügbar ist. Immerhin erstrecken sich die vier Hafenteile des Kieler Hafens über eine Fläche von rund 70 Hektar, das sind knapp 100 Fußballfelder. Die Lösung: Der „Harbour Hoist“ – ein mobiles Rettungssystem, das künftig Leben retten könnte.
Für Frank Klug, Fachkraft für Arbeitssicherheit von DEKRA, war es mehr als ein gewöhnlicher Auftrag. Denn er engagiert sich seit über 30 Jahren im Katastrophenschutz und kennt die Herausforderungen von Rettungseinsätzen aus eigener Erfahrung. Er begann zu tüfteln, zu zeichnen und erste Konzepte zu entwickeln. Innerhalb von etwa einem Jahr entstand im Zusammenspiel mit der Hafenbauwerkstatt das neuartige System.
Das smarte Wasserrettungssysteme ist auch für Laien einfach zu bedienen
Der Clou des Harbour Hoist: Für seinen Einsatz wird keine spezielle Infrastruktur benötigt. Jeder im Hafen verfügbare Gabelstapler kann das Gerät aufnehmen und innerhalb weniger Minuten zum Einsatzort bringen. Der Ausleger ist kurz genug, um nicht an die steil aufragende Schiffswand zu stoßen, wenn der Mensch zwischen Schiff und Kaimauer ins Wasser gefallen ist. „Denn selbst wenn die Feuerwehr schnell genug vor Ort wäre, könnte sie dort ihre Drehleiter nicht weit genug ausfahren, um ein Höhenrettungsgerät einzusetzen. Und die Wasserschutzpolizei oder die DLRG können mit ihren Booten erst gar nicht in diese 1,5 bis 2 Meter breite Lücke einfahren“, weiß Klug.
An der Plattform angebrachte Piktogramme zeigen ohne Worte, wie das Gerät funktioniert, denn die sogenannte „Laienbedienbarkeit" war von Anfang an eine Zielsetzung der Betriebsleitung.
Tests mit der Berufsgenossenschaft BGHW waren erfolgreich
Erste Tests mit der Berufsgenossenschaft BGHW bestätigten die Tauglichkeit der Konstruktion, und nun möchte der Hafen Kiel mehr: „Idealerweise steht ein Harbour Hoist in jedem Hafenteil zur Verfügung", sagt Betriebsleiter Christian Hainke. Deshalb muss die Hafenbauwerkstatt nun mindestens drei weitere Rettungssysteme bauen.
Noch in diesem Jahr soll der „Harbour Hoist" beim Wettbewerb „Goldene Hand" der BGHW antreten. Für Frank Klug ist das jedoch nicht das Wichtigste. Sein Ziel ist, dass das System künftig in möglichst vielen Häfen zum Einsatz kommt - und im Ernstfall dazu beiträgt, Menschenleben zu retten.