Event Data Recorder
14. Okt. 2026 Mobility StoriesSie gehören zu Verkehrsunfällen wie Reifenspuren, Fahrzeugteile und widersprüchliche Zeugenaussagen: die Unfallanalytiker von DEKRA. Ihre Aufgabe ist es, Ordnung in das Chaos zu bringen – und die Puzzleteile am Unfallort zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden. Wichtige Hinweise liefert dabei ein stummer Zeuge, der tief mit der Fahrzeugtechnik verwoben ist: der Event Data Recorder. Doch funktioniert der Unfalldatenspeicher wie die aus Flugzeugen bekannte Black Box?
Unfallrekonstruktion: eine Spur zu ungenau
Es regnet in Strömen, als die Unfallanalytiker von DEKRA an die Unfallstelle gelangen. Das Bild, das sich ihnen an einer Ampelkreuzung nahe Darmstadt offenbart, lässt keinen Zweifel: Hier hat sich ein schwerer Verkehrsunfall ereignet. „Wie bei Verkehrsunfällen dieser Art üblich, hat die Polizei einen Sachverständigen von DEKRA zur Unfallstelle gerufen, um den Kollisionshergang im Detail zu rekonstruieren“, erklärt Katharina Michels, Unfallanalytikerin bei DEKRA. Ein wichtiger Knackpunkt: Weil sich eine Fahrerin im Krankenhaus befindet und die andere ihre Aussage verweigert, muss das Expertenteam ohne Zeugenaussagen auskommen.
Die Polizisten vor Ort sind sich schnell einig: Beide Fahrzeuge waren in derselben Richtung unterwegs, als der Pkw zum Spurwechsel nach links ansetzte und die herannahende Motorradfahrerin in die Fahrerseite prallte. Die Profis von DEKRA haben jedoch Grund zur Skepsis: Die Endlagen der Fahrzeuge passen nicht zum beschriebenen Spurwechsel. Ein genauer Blick auf
das Fahrzeugmodell offenbart, dass die Lösung vielleicht schon näher ist als gedacht. Grund hierfür ist der Event Data Recorder (EDR) – ein Ereignisdatenspeicher, dessen Einbau seit dem 6. Juli 2024 für alle neu zugelassenen Pkw und leichten Nutzfahrzeuge in der EU verpflichtend ist. Für schwere Nutzfahrzeuge, Busse und Reisebusse gilt die Regelung schrittweise: Seit Januar 2026 müssen neue Fahrzeugtypen mit einem EDR ausgerüstet sein, ab Januar 2029 dann alle neu zugelassenen Fahrzeuge dieser Klassen.
Event Data Recorder als Puzzlestück
Im Gegensatz zur Black Box im Flugverkehr, die als wichtiges Modell für den EDR diente, zeichnet das automobile Gegenstück keine Gespräche im Fahrzeug auf. Stattdessen sollen wichtige Fahrzeugdaten wie Geschwindigkeit, Brems- und Gaspedalstellung, Lenkwinkel und Eingriffe von ABS und Stabilitätskontrolle dazu beitragen, komplexe Fälle realitätsgetreu zu rekonstruieren. Dabei gilt: Der EDR sichert die entsprechenden Daten nur dauerhaft, wenn er innerhalb von 150 Millisekunden eine Geschwindigkeitsänderung von mehr als acht Stundenkilometern registriert. Somit verzeichnet der Datenspeicher nicht jeden Lackkratzer auf dem Supermarktparkplatz, wohl aber schwere Verkehrsunfälle.
Alle Wege führen zum Strom mit dem Event Data Recorder
An der Unglücksstelle haben die Unfallanalytiker Glück im Unglück: Trotz erheblicher Schäden am Auto blieb der Event Data Recorder intakt. Grund hierfür ist vor allem seine gut geschützte Position im Airbag-Steuergerät. Vor Ort verbinden die Unfallanalytiker ein kleines Auslesegerät mit der Diagnoseschnittstelle des Fahrzeugs und einem Laptop. Schnell zeigt sich: Weil Stromversorgung und Zündung noch funktionieren, können sie den gespeicherten Datensatz innerhalb weniger Minuten extrahieren. Sind diese Umstände nicht gegeben, muss das DEKRA-Team den Datenschreiber vor Ort ausbauen und in der Fachabteilung für Unfallanalytik auslesen. „Weil sich der Verbindungsstecker je nach Hersteller unterscheidet, haben wir in der Hauptverwaltung mittlerweile eine umfangreiche Kabelsammlung“, so Michels.
Es ist nicht immer einfach, den Kollisionsmoment präzise zu bestimmen, weil sich dieser nicht immer mit dem letzten aufgezeichneten Messwert deckt
Katharina Michels, Produktbetreuerin Unfallanalytik bei DEKRA
Die EDR-Auswertung: Hier zählt jede Sekunde
Dort angelangt, beginnt mit der Dateninterpretation der herausforderndste Teil der Arbeit. Am wichtigsten für die anschließende Rekonstruktion ist nicht der Moment der Kollision, sondern der kurze Zeitabschnitt davor. Bei der Datenauswertung profitieren Michels und ihre Kollegen vom EU-weiten Rahmenwerk, das einen Datensatz von fünf Sekunden und zwei Messwerten pro Sekunde vorschreibt. „Manche Hersteller gehen sogar einen Schritt weiter, indem sie mehr Daten liefern als von der Gesetzgebung vorgeschrieben, wie etwa Informationen zu Fahrerassistenzsystemen“, erklärt die Maschinenbauingenieurin.
Die Facetten der Unfallanalytik: Zahlen erzählen eine Geschichte
Die Einordnung dieser Zahlen erfordert nicht nur einen wachsamen Blick, sondern auch eine kritische Grundhaltung. „Es ist nicht immer einfach, den Kollisionsmoment präzise zu bestimmen, weil sich dieser nicht immer mit dem letzten aufgezeichneten Messwert deckt“, erläutert die Datenexpertin. Zudem können Messwerte auch fehlerhaft sein und bei oberflächlicher Betrachtung schnell zu einem Trugschluss führen. Umso wichtiger ist es also, die Daten zusammen mit Spuren am Unfallort, Fahrzeugschäden, physikalischen Berechnungen und – soweit vorhanden – Zeugenaussagen einzuordnen. „Ein Datensatz allein löst noch keinen Unfall, kann aber wichtige Fragen auf dem Weg zur Aufklärung des Falls beantworten“, so Michels.
Das unfallanalytische Gutachten
Auf Grundlage der Unfallrekonstruktion fertigt der Sachverständige bei DEKRA ein technisches, unfallanalytisches Gutachten für die Staatsanwaltschaft und das Gericht an. Entscheidend ist es hierbei, die technischen Zusammenhänge so darzustellen, dass sie auch ohne umfassende Fachkenntnis nachvollziehbar sind. „Eine Schuldfrage beantworten wir allerdings nicht, schließlich sind wir keine Juristen“, erklärt Michels. Die Verteidigung kann das Gutachten einsehen und im Zweifelsfall technisch hinterfragen. Kommt es zur Verhandlung, erläutert der Sachverständige sein Gutachten vor Gericht. Im vorliegenden Fall haben Michels und ihr Team die wichtigste Nachricht bereits am Tag des Unfalls erhalten: Die schwerverletzte Motorradfahrerin hat überlebt. „Bei unserer Arbeit ist es dennoch wichtig, sich emotional von negativen Ereignissen zu distanzieren, was mir in den meisten Fällen auch gelingt“, erzählt sie.
Auch Versicherungen sind an EDR-Daten interessiert
Obwohl Verkehrsunfälle zu den häufigsten Einsatzfällen bei der Auswertung von EDR-Daten zählen, werden die Experten von DEKRA auch von Versicherungen und in seltenen Fällen sogar von privaten Fahrzeughaltern beauftragt. Ein immer häufigeres Praxisbeispiel: Versicherungen möchten – nach Zustimmung des Fahrzeughalters – nachvollziehen, wie ein versichertes Fahrzeug unmittelbar vor einem Unfall geführt wurde. Ferner können auch Gebrauchtwagenkäufer eine EDR-Auslesung veranlassen, wenn sie etwa einen schweren Schaden mutmaßen. „Neulich wurden wir sogar von einem älteren Herrn beauftragt, seine Fahrzeugdaten auszulesen, weil er den Verdacht hatte, Gas- und Bremspedal verwechselt zu haben“, so die Datenexpertin.
Datenschutz im Fokus
Wem die Daten im Event Data Recorder schlussendlich gehören, bleibt eine rechtliche Grauzone. Deshalb geht DEKRA kein Risiko ein: Ordnen die Behörden die Datenauswertung nach schweren Unfällen an, kann das Fahrzeug sichergestellt und ohne Einwilligung des Fahrzeughalters mitsamt EDR untersucht werden. Liegt hingegen kein Strafverfahren vor, holt DEKRA die Zustimmung des betreffenden Fahrzeughalters ein.
Datenschutz hat einen hohen Stellenwert bei DEKRA. Deshalb können wir natürlich nachvollziehen, dass ein so sensibles Thema auch Fragen aufwirft.
Katharina Michels, Produktbetreuerin Unfallanalytik bei DEKRA
Dennoch haben Fahrzeughalter wenig zu befürchten: Die Auswertung richtet sich nur auf den konkreten Unfall. Ferner lassen sich zuvor gespeicherte Ereignisse meist weder einem Ort noch einem Zeitpunkt zuordnen, sodass sie für die Untersuchung in der Regel unerheblich sind. Mit legalen Mitteln lassen sich die Daten zudem nicht nachträglich löschen oder manipulieren. „Abschließend sind die Daten rein technischer und nicht persönlicher Natur: Im Gegensatz zur Black Box befinden wir uns hier auf einer niedrigeren Flughöhe“, schlussfolgert Michels.
Sie benötigen eine Unfallanalyse, eine Unfallrekonstruktion oder ein unfallanalytisches Gutachten? DEKRA unterstützt bei der technischen Aufklärung von Unfallereignissen und der Auswertung relevanter Fahrzeugdaten. Mehr Informationen: DEKRA Unfallanalytische Gutachten.
DEKRA Unfallanalytische Gutachten
Die Auswertung von Steuergeräten und Unfalldatenspeichern wie dem EDR kann Teil einer unfallanalytischen Untersuchung sein. DEKRA sichert Unfallspuren, vermisst Unfallstellen und rekonstruiert Unfall- und Schadensabläufe. Je nach Fall werten die Fachleute auch Daten aus Fahrzeugen, Fahrradcomputern, Smartwatches oder Navigationsgeräten aus. Computergestützte Auslauf- und Kollisionsanalysen sowie Vermeidbarkeitsbetrachtungen ergänzen die technische Untersuchung.
Die Auswertung von Steuergeräten und Unfalldatenspeichern wie dem EDR kann Teil einer unfallanalytischen Untersuchung sein. DEKRA sichert Unfallspuren, vermisst Unfallstellen und rekonstruiert Unfall- und Schadensabläufe. Je nach Fall werten die Fachleute auch Daten aus Fahrzeugen, Fahrradcomputern, Smartwatches oder Navigationsgeräten aus. Computergestützte Auslauf- und Kollisionsanalysen sowie Vermeidbarkeitsbetrachtungen ergänzen die technische Untersuchung.