Klimarisiken im Fokus: Wie DEKRA Gebäude auf den Klimawandel vorbereitet
16. Sept. 2026Sustainability StoriesDer Juni dieses Jahres war der heißeste, der je in Westeuropa gemessen wurde. Die Folgen: aufgeplatzter Asphalt, Waldbrände, gesundheitliche Risiken. Ob Hitzewelle oder Starkregen – es sind Extreme, die Europa und die Welt nach Einschätzung von Fachleuten zunehmend prägen werden. „Solche Ereignisse werden immer häufiger vorkommen“, sagt auch Alexis Murgat, „umso wichtiger ist es, jetzt zu handeln.“ Als Leiter des Geschäftsbereichs Baukontrolle bei DEKRA beschäftigt sich der Bauingenieur unter anderem damit, wie Gebäude an Klimarisiken angepasst werden können. Schließlich, so Murgat, sei beim Thema Klimawandel neben dem Klimaschutz die Klimaanpassung mindestens genauso wichtig.
In Zeiten von Klimarisiken: Wenn Bahnhöfe unter Druck geraten
Gebäude sind für Alexis Murgat dabei mehr als bloße Bausubstanz. Sie sind Orte der Arbeit, der Begegnung und des öffentlichen Lebens. Wie wichtig das ist, zeigt sich besonders dort, wo viele Abläufe zusammenlaufen – zum Beispiel an Bahnhöfen. „Kommt der Betrieb hier ins Stocken, betrifft das sehr viele Menschen auf einmal und damit auch die Gesellschaft insgesamt.“
Der Bahnhof im französischen Tours – etwa 250 Kilometer südwestlich von Paris – stand im Fokus des ersten Climate Risk Assessments (CRA), das DEKRA Performance & Patrimoine in diesem Jahr durchführte (siehe Infokasten). Durch die Nähe zur Loire ist das Risiko für Überflutungen am Bahnhof im Herzen der Stadt erhöht. Zugleich macht der Denkmalschutz des historischen Gebäudes bauliche Veränderungen deutlich komplizierter. „Auf solche Rahmenbedingungen haben wir nicht immer Einfluss“, so Murgat, „aber es gibt weitere Hebel, an denen wir ansetzen können.“
Mit seinem Climate Risk Assessment (CRA) bewertet DEKRA, wie stark Standorte, Gebäude, Infrastruktur und Prozesse von Klimarisiken wie Hochwasser, Sturm, Hitze, Waldbrand oder Erdrutsch betroffen sind. Die Analyse prüft Gefährdung und Verwundbarkeit, zeigt Schwachstellen auf und empfiehlt konkrete Anpassungsmaßnahmen. Bei der Zusammenarbeit mit SNCF Gares & Connexions handelte es sich um das erste reale Projekt, bei dem alle Klimarisiken ganzheitlich zusammen bewertet wurden.
Climate Risk Assessment: Wie DEKRA den Bahnhof Tours analysierte
Um genau diese Hebel zu identifizieren, beauftragte SNCF Gares & Connexions – die Bahnhofssparte der französischen Staatsbahn SNCF – im vergangenen Mai DEKRA mit einer umfassenden Analyse. Ziel war es, besser zu verstehen, welchen Klimarisiken der Bahnhof ausgesetzt ist, wie anfällig er dafür ist und wie er sich an veränderte Klimabedingungen anpassen kann. Bereits 2023 hatte das Unternehmen eine übergeordnete Risikobetrachtung durchführen lassen.
Warum Vor-Ort-Analysen den Unterschied machen
„Makroanalysen liefern eine gute Grundlage. Sie stützen sich aber vor allem auf Standortdaten und Klimaprojektionen. Das ist hilfreich, zeigt jedoch nicht automatisch die wichtigsten realen Probleme vor Ort“, erklärt Alexis Murgat. Für das Climate Risk Assessment betrachteten er und seine Kollegen zunächst die klimatischen Entwicklungen in Tours, etwa Hitze oder Niederschlag – und das über einen längeren Zeitraum. Im zweiten Schritt ging es direkt vor Ort. Am Bahnhof analysierte und bewertete das Team Bauweise, Materialien und Architektur des Gebäudes. Dabei nahm es vor allem sensible Bereiche in den Blick. Herzstück der Analyse waren jedoch die Gespräche mit den Menschen vor Ort: mit Büromitarbeitern und mit Technikern aus Wartung und Instandhaltung. „Gemeinsam mit den Verantwortlichen bei SNCF haben wir die Anlagen und betrieblichen Funktionen identifiziert, die besonders wichtig sind, um den Betrieb auch im Störungsfall aufrechtzuerhalten“, fasst Alexis Murgat zusammen.
Die zentrale Erkenntnis: Die Makroanalyse zeigte vor allem große Risiken im Zusammenhang mit Überflutungen und Bodensenkungen auf. Vor Ort wurde jedoch deutlich, dass insbesondere Hitze am Bahnhof in Tours wohl die größte Herausforderung der Zukunft ist – weil sie schon heute ein sehr konkretes Problem darstellt.
1. Risiken erkennen: Welche Klimabelastungen drohen am Standort?
2. Verwundbarkeit prüfen: Wie anfällig sind Gebäude, Technik und Nutzung vor Ort?
3. Maßnahmen ableiten: Welche Anpassungen sind sinnvoll und wie lassen sie sich einplanen?
Von der Analyse zur Anpassung: Wie aus Risiken konkrete Maßnahmen werden
Mit der Benennung der Risiken ist das Climate Risk Assessment von DEKRA noch längst nicht abgeschlossen. „Im dritten und wahrscheinlich wichtigsten Schritt schlagen wir dem Kunden mögliche Anpassungen vor“, erklärt Alexis Murgat. Dazu gehört nicht nur eine umfassende Auswahl konkreter Maßnahmen und Anpassungsszenarien, sondern auch eine Abschätzung der Kosten. „Das ist eine wichtige Grundlage für Entscheidungen.“ Für den Bahnhof in Tours empfahl DEKRA SNCF Gares & Connexions unter anderem einen außenliegenden Sonnenschutz vor den Fenstern. Auch langfristige Kühlungslösungen für das Gebäude, etwa über ein städtisches Netz mit kühlem Wasser, seien sinnvoll. Mit Blick auf das Hochwasserrisiko durch Oberflächenabfluss sei eine enge Zusammenarbeit mit den kommunalen technischen Diensten der Stadt Tours und dem Gemeindeverband entscheidend. Nur so könnten Risiken beim Entwässerungssystem vermieden werden.
Unsere Ergebnisse dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Bestenfalls werden sie Teil der bereits vorhandenen Wartungs-, Erneuerungs- und Investitionspläne des Kunden. Sie sind ein Schritt einer langfristigen strategischen Planung
Alexis Murgat, Leiter des Geschäftsbereichs Baukontrolle bei DEKRA
Die Analyse von DEKRA ist Teil der Klimaanpassungsstrategie von SNCF Gares & Connexions. Grundlage ist der französische Referenzpfad für die Anpassung an den Klimawandel (trajectoire de référence pour l'adaptation au changement climatique, kurz: TRACC). Dieser geht von einer durchschnittlichen Erwärmung von +4 Grad Celsius in Frankreich bis zum Jahr 2100 aus.
Welche der vorgeschlagenen Maßnahmen das französische Bahnunternehmen am Bahnhof in Tours umsetzen wird, wird sich zeigen. „Die gelieferten Analysen waren sehr relevant für uns“, sagt Paul Benechet, Projektdirektor Emergence bei SNCF Gares & Connexions, „DEKRA hat uns eine anspruchsvolle Bewertung geliefert, die unsere zentralen Herausforderungen sehr gut und wirksam adressiert. Die konstruktiven und aufschlussreichen Gespräche haben das Projekt auf jeden Fall bereichert.“
Klimarisiken ernst nehmen, bevor es zu spät ist
Eine erfolgreiche Premiere und gute Grundlage für weitere Projekte. „Wir warten derzeit auf Rückmeldungen zu weiteren möglichen Projekten für andere Bahnhöfe“, sagt Alexis Murgat. Das nächste Projekt in Marseille ist bereits zugesagt, mehr sollen folgen. Der Leiter des Geschäftsbereichs Baukontrolle ist nach dem ersten Durchlauf auch weiterhin vom Climate Risk Assessment durch DEKRA überzeugt. Zwei Dinge sind ihm dabei besonders wichtig: „Es ist wichtig, vor Ort zu gehen und mit den Menschen zu sprechen.“ Außerdem: „Oft nehmen wir Klimarisiken erst dann ernst, wenn sie vor der eigenen Tür stehen. Wir müssen vorbereitet sein, bevor es zu spät ist.“