DEKRA Unfallforschung gibt Tipps und warnt
Beim geringsten Zweifel ist Überholen keine Option
23. Juni 2026Sicherheit im Verkehr / Automobil- Risiken oft unterschätzt: Viele Unfälle bei Überholmanövern
- Eine der kritischsten Fahrsituationen überhaupt
- Zeitgewinn in der Regel überschaubar
Die Unfallforscher von DEKRA warnen vor leichtfertigen Überholmanövern auf Landstraßen. „Oft wird zum Überholen angesetzt, ohne die Verkehrssituation ausreichend zu prüfen. Wenn man dabei die Lage falsch einschätzt, sind die Folgen bei Gegenverkehr oft besonders schwer“, erklärt Luis Ancona aus der DEKRA Unfallforschung. „Überholmanöver sind eine der kritischsten Fahrsituationen überhaupt. Beim geringsten Zweifel ist Überholen deshalb keine Option.“
Im Jahr 2024 wurde laut amtlicher Statistik bei knapp 11.700 Unfällen mit Personenschaden in Deutschland Fehlverhalten beim Überholen festgestellt, in 212 Fällen bei Unfällen mit tödlichem Ausgang. „Überholunfälle sind häufig das Ergebnis von Fehleinschätzungen“, so der Unfallforscher. „Oftmals wird ohne ausreichende Sicherheitsreserven zum Überholen angesetzt. Schätzt man Geschwindigkeiten, Abstand oder den Gegenverkehr falsch ein, ist das Risiko hoch, bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet zu werden.“
Vor allem Strecken mit vielen Kurven, Kuppen, Senken und Einmündungen bergen Gefahren. An diesen „blinden Stellen“ können sich entgegenkommende Fahrzeuge verbergen, und oft sind sie näher als erwartet. Leicht wird auch ein Feldweg übersehen, aus dem ein Traktor oder Radfahrende auf die Straße einbiegen oder sie kreuzen können.
Gegenverkehr nicht gefährden
Für das Überholen gelten laut Straßenverkehrs-Ordnung klare Regeln: Es ist nur dann erlaubt, wenn der Überholweg vollständig einsehbar ist. Beim gesamten Überholmanöver muss jede Behinderung oder Gefährdung des Gegenverkehrs ausgeschlossen sein. Das bedeutet: Bei unklarer Verkehrslage ist das Überholen strikt verboten. Somit muss ein Überholvorgang sofort abgebrochen werden, wenn Gegenverkehr auftaucht. Auch „Kolonnenspringen“ ist nicht erlaubt, wenn vorn keine größere Lücke zum Einscheren erkennbar ist.
Viele unterschätzen zudem die benötigte Überholstrecke. Zum einen sind sowohl das Tempolimit als auch die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einzuhalten. „Weil sich der Gegenverkehr genauso schnell nähern kann, muss außerdem die übersehbare Strecke auch dafür ausreichen. Gerade bei kleinen Geschwindigkeitsdifferenzen zum Vorausfahrenden verlängert sich der Überholweg erheblich“, sagt der Unfallforscher. Zeichnet sich beim Ausscheren ab, dass die verfügbare Strecke oder die Geschwindigkeit nicht ausreicht, muss der Vorgang konsequent und frühzeitig abgebrochen werden.
„Häufige Überholmanöver machen die Fahrsituation anspruchsvoller und schaffen Risiken für sich selbst und andere. Im Übrigen bringt dies in der Regel aber keinen nennenswerten Zeitgewinn, insbesondere bei hohem Verkehrsaufkommen. Meist geht es allenfalls um wenige Minuten, die das Risiko einfach nicht wert sind“, meint Ancona. „Und oft wartet hinter ein paar Kurven schon das nächste Hindernis.“
Nachfolgenden Verkehr im Blick behalten
Zu den häufigsten Fehlern bei Überholunfällen gehört auch, nicht auf den nachfolgenden Verkehr zu achten. „Wer überholen will, muss zuerst überprüfen, ob ein nachfolgendes Fahrzeug schon zum Überholen angesetzt hat“, sagt Ancona. Außerdem ist vor dem Aus- und Einscheren rechtzeitig und deutlich zu blinken. Das überholte Fahrzeug darf keinesfalls „geschnitten“ werden.
Zusammengefasst kommt es beim Überholen immer darauf an, umsichtig und überlegt zu handeln. Die wichtigsten Punkte aus Sicht der DEKRA Unfallforschung:
- Ist die Strecke vollständig einsehbar und frei von Gegenverkehr?
- Reicht die verfügbare Strecke zum Überholen aus?
- Kann mein Fahrzeug schnell genug beschleunigen?
- Hat schon ein nachfolgendes Fahrzeug zum Überholen angesetzt?
- Habe ich den Blinker rechtzeitig gesetzt?
- Kann ich den Überholvorgang jederzeit sicher abbrechen, falls sich die Verkehrslage ändert?
Unfallforscher Ancona fordert Autofahrerinnen und Autofahrer dazu auf, beim Überholen verantwortungsbewusst zu agieren und sich die Gefahren für sich und andere klarzumachen. „Fragen Sie sich vor jedem Überholmanöver: Ist Überholen wirklich nötig? Lohnt es sich wirklich? Bin ich gestresst, gereizt oder übermüdet? Oft entschärft es die Situation, wenn man sich kurz zurücknimmt und die Absicht überdenkt.“