Batteriezellen made in Europe

Author: Michael Vogel

27. Apr. 2022 Automobil / Mobilität der Zukunft

Noch vor wenigen Jahren sah es so aus, als ob in Europa kaum Fabriken für Batteriezellen entstünden – und wenn, dann vor allem durch asiatische Firmen. Inzwischen sind mehr als 30 Fabriken in Betrieb oder geplant, oft mit europäischen Eignern.

Sie ist Energiespeicher und Kraftzentrum zugleich: Die Batterie ist neben dem E-Motor das Herzstück jedes Elektrofahrzeugs. Sie muss im Betrieb, beim Transport oder der Reparatur und Entsorgung den Vorschriften entsprechen und sicher sein. Daher betreibt DEKRA im niederländischen Arnheim ein Prüflabor, in dem alle relevanten Batterietests vorgenommen werden können. Das Spektrum für Batterieprüfungen ist sehr breit und umfasst alle Baustadien: von der einzelnen Zelle über Batteriemodule bis hin zu kompletten Batterie-Packs. Im DEKRA Labor können auch Firmen, die Batteriemodule und Batteriepakete konfektionieren, ihre fertigen Packs überprüfen lassen.
Aktuell entwickelt sich Europa bei der Elektromobilität vom Zauderer zum Treiber. So streben mittlerweile 13 europäische Staaten eigene, sogenannte Gigafactories für Batteriezellen an. Wir haben uns einige Projekte in Europa genauer angeschaut.
Deutschland
Das schwedische Unternehmen Northvolt und Volkswagen bauen in Salzgitter eine Fabrik für Batteriezellen, die 2024/25 in Serienbetrieb gehen und eine Kapazität von 24 Gigawattstunden pro Jahr (GWh/J) liefern soll. Northvolt will zudem im schleswig-holsteinischen Heide 2025 eine Zellenfabrik in Betrieb nehmen. Cellforce, ein Joint-Venture von Volkswagen-Tochter Porsche und Zellenhersteller Customcells, will nahe dem baden-württembergischen Reutlingen 2022 mit dem Bau einer Fabrik beginnen, geplante Kapazität: 0,1 GWh/J.
Mit der Automotive Cell Company (ACC) will ab 2023 in Kaiserslautern, wo Opel einen Standort hat, ein weiteres Schwergewicht (siehe „Frankreich“) eine Fabrik für Batteriezellen bauen, Zielkapazität: 32 GWh/J.
Der chinesische Anbieter CATL baut nahe Erfurt eine Gigafactory. Jährliche Kapazität zu Beginn: 24 GWh, 2026: 60 GWh. Der chinesische Anbieter SVOLT will westlich von Saarbrücken eine Fabrik mit einer jährlichen Kapazität von 24 GWh bauen. Die Produktion soll vor 2024 starten.
Frankreich
Renault kooperiert mit dem französischen Start-up Verkor beim Bau einer Fabrik im nordfranzösischen Douai. Geplant sind 9 GWh/J ab 2024 und 24 GWh/J ab 2030. Unabhängig davon will Verkor eine Fabrik im nordfranzösischen Dünnkirchen errichten. Für 2025 ist eine Kapazität von 16 GWh/J geplant. Ebenfalls in Douai will die chinesische Envision Group eine Fabrik für jährlich 30 GWh ab 2029 bauen. Abnehmer wäre primär Renault. Die Automotive Cell Company (ACC) plant ab 2023 im nordfranzösischen Douvrin eine Fabrik für Batteriezellen, Zielkapazität: 32 GWh/J. ACC gehört zu gleichen Teilen Saft (ein französischer Hersteller von Energiespeichern), Mercedes-Benz und Stellantis (Group PSA inklusive Opel, Fiat Chrysler).
Großbritannien
Das Start-up Britishvolt hat mit dem Bau einer Gigafactory in Blyth im Norden Englands begonnen. Produktionsbeginn: 2023, mittelfristiges Ziel: 30 GWh/J. Das Start-up AMTE Power fertigt derzeit in Schottland Zellen in Kleinserie. Schon länger im Gespräch ist eine gemeinsame Gigafactory der beiden Start-ups in Südwales im Rahmen einer staatlichen Förderung. Zudem plant wohl der chinesische Anbieter Envision AESC eine Fabrik, ab 2024, mit 38 GWh/J.
Italien
Die Automotive Cell Company (ACC; siehe „Frankreich“) hat kürzlich eine Fabrik in Termoli an der Adria angekündigt. Italvolt will in Scarmagno bei Turin eine Fabrik bauen. 2024 soll die Produktion beginnen, Kapazität: 45 GWh/J. Die Investoren der 2020 gegründeten Italvolt sind Venture-Capital-Firmen. Des Weiteren baut der italienische Batteriehersteller FAAM bei Neapel eine Fabrik. Geplant sind 8 GWh pro Jahr. FAAM will so sein Portfolio erweitern.
Norwegen
Im Musterland der Elektromobilität bauen zwei Unternehmen Fabriken. Morrow baut im südnorwegischen Arendal, geplanter Produktionsstart: 2023, Kapazitätsziel: 42 GWh/J. Eigentümer der Neugründung sind der norwegische Energiekonzern Agder Energi und der Inhaber des Abfallunternehmens Noah. Das norwegische Start-up Freyr will 2023/24 eine Fabrik im nordnorwegischen Mo i Rana eröffnen, mittelfristiges Ziel: 43 GWh/J.
Polen
Seit 2018 produziert LG Chem, einer der weltgrößten Hersteller von Batteriezellen, in einer Fabrik in Breslau. Zu den Kunden gehören unter anderem Volkswagen und Renault. Das südkoreanische Unternehmen strebt in Polen eine jährliche Kapazität von 65 GWh an, derzeit sind es stark 15 GWh.
Schweden
Northvolt plant beziehungsweise betreibt zwei Fabriken. Die Fabrik im nordschwedischen Skellefteå beliefert seit diesem Jahr Kunden. Die Produktionskapazität soll auf 60 GWh/J steigen. Zu Northvolts Anteilseignern gehören auch BMW und Volkswagen. Gemeinsam mit Volvo plant Northvolt zudem in Göteborg eine Fabrik. Inbetriebnahme: 2025, Kapazität: bis zu 50 GWh/J.
Serbien
Das serbische Unternehmen ElevenEs will eine Gigafactory mit 16 GWh aufbauen, ab 2024 in Subotica, nahe der ungarischen Grenze.
Slowakei
Die slowakische Firma InoBat Auto plant bei Bratislava den Aufbau einer Fabrik. Die Rede ist von einer Kapazität pro Jahr in Höhe von 10 GWh. 2024 soll es losgehen. Investor ist unter anderem der tschechische Energieversorger CEZ.
Spanien
Volkswagen plant in Sagunt, nördlich von Valencia, eine Fabrik mit 40 GWh/J. Start der Serienproduktion: 2025. In Badajoz an der portugiesischen Grenze will der spanische Materialspezialist Phi4Tech eine Fabrik mit 10 GWh/J bauen, Startdatum offen. In Noblejas, südöstlich von Madrid, will Phi4Tech eine Pilotanlage betreiben, mit einer Kapazität von bis zu 2 GWh/J. Das Start-up BasqueVolt will im Baskenland eine Fabrik mit einer Kapazität von 10 GWh/J errichten, Produktionsbeginn: 2025.
Tschechien
Das staatliche Unternehmen CEZ plant den Aufbau einer Gigafactory, ist aber wohl noch auf der Suche nach Partnern. Volkswagen/Škoda wird in diesem Zusammenhang ab und an gehandelt. Des Weiteren betreibt Magna Energy Storage in Horní Suchá, nahe der polnischen Grenze, ein Werk für Batteriezellen. Das Unternehmen wurde mit tschechischem Kapital gegründet und nutzt eine Technologie, die ebenfalls in Tschechien entwickelt wurde. Derzeitige jährliche Kapazität 1,2 GWh.
Ungarn
SK On betreibt in Komárom, zwischen Budapest und Bratislava gelegen, eine Fabrik mit 17 GWh jährlicher Kapazität. Am Standort soll noch dieses Jahr ein zweites Werk fertig werden. Angestrebte Kapazität: 10 GWh/J. Der Standort von SK Ons drittem geplantem Werk ist Iváncsa bei Budapest. Es soll 2024 in Betrieb gehen und eine höhere Produktionskapazität als die bisherigen Werke erreichen. SK On ist die 2021 ausgelagerte Batteriesparte des südkoreanischen Unternehmens SK Innovation. Mit Samsung SDI fertigt zudem ein zweiter koreanischer Anbieter Zellen in Ungarn: in Göd bei Budapest. Durch einen weiteren Ausbau soll die Kapazität auf 50 GWh jährlich steigen.
Das passiert am DEKRA Standort Arnheim
Im EV-Test-Center Arnheim bietet DEKRA eine breite Palette an E-Mobility-Services, wie beispielsweise mechanische Prüfungen, darunter Vibrations- und Stoßversuche, an. Weitere Prüfungen sollen das Verhalten der Batterie in der Umgebung simulieren, dabei stehen auch Temperatur- und Luftdrucksimulationen im Fokus der Prüfer. Bei Lade- und Entladeversuchen sollen mögliche Fehlbedienungen erkannt werden, zusätzlich werden Kurzschlussfestigkeit und eine eventuell bestehende Brandgefahr kontrolliert. Geprüft wird nach allen gängigen Standards wie beispielsweise ISO 12405, IEC 62660, UN 38.3 oder ECE R100.
Neben den bereits erwähnten Batterien und Batterie-Packs testen die DEKRA Ingenieure die elektrische und funktionale Sicherheit aller elektrischer Komponenten, darunter Motor- und Batterie-Management, Spannungswandler, Ladekabel und Stecker sowie Ladesäulen. Der Fokus liegt dabei neben den Batterien auf AC- wie auch DC-Ladestationen, Batteriemanagementsystemen, Steckern, Kabeln, Relais und Sicherungen. Daneben sind in Arnheim EMV-Prüfungen für automobile Bauteile, Pkw und Nutzfahrzeuge möglich.