Im Renntempo zur Klimaneutralität

Author: Georg Weinand

15. März 2023

Im Jahr 2038 will die Goodyear FIA European Truck Racing Championship klimaneutral sein. Schon seit 2021 fahren die Lkw-Boliden mit HVO-Biokraftstoffen. Ab der Saison 2023 dürfen erstmals hybride und elektrisch angetriebene Race Trucks starten.

Motorsport und Nachhaltigkeit gelten bei vielen Menschen immer noch als diametrale Gegensätze. Doch längst schon machen sich die Rennsportverantwortlichen darüber Gedanken, wie man den Umweltgedanken auf den Rennstrecken dieser Welt tiefer verankern kann. Die Goodyear FIA European Truck Racing Championship, die Europameisterschaft der Lkw-Boliden, will bis 2038 komplett klimaneutral sein.
Bereits vor einigen Jahren wurde gemeinsam mit den Eigentümern der Meisterschaft, dem ADAC Mittelrhein und dem Rennsportweltverband FIA, das „Future Concept 2020+“ ins Leben gerufen, das eine Strategie und konkrete Maßnahmen für eine nachhaltige Transformation der Truck Racing-Europameisterschaft enthält. „Wir wollen eine führende Plattform für nachhaltige Technologien im Straßengüterverkehr auf und neben der Rennstrecke werden und trotzdem das emotionale Highlight von Hunderttausenden Fans bleiben“, erklärt Georg Fuchs, Geschäftsführer von ETRA Promotion.
Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit
Obwohl das Pandemiejahr 2020 die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie zunächst etwas verzögerte, sind die Rennsportverantwortlichen seit 2021 wieder voll im Plan. Schon seit der Saison 2021 fahren alle Renntrucks der Goodyear FIA European Truck Racing Championship mit 100-prozentigem Hydrotreated Vegetable Oil (HVO)-Kraftstoff aus hydriertem Pflanzenöl. Die Einführung dieses synthetischen Diesel-Kraftstoffs war der erste wichtige Schritt auf der Rennstrecke, im Rahmen der sogenannten Sustainability Road Map. Die Truck Racer waren damit weltweit die erste Motorsport-Serie überhaupt, die auf einen Biokraftstoff vollständig aus erneuerbaren Rohstoffen umstellte. „Allein dadurch haben wir unseren CO2-Ausstoß um bis zu 92 Prozent reduzieren können. Diesen Durchbruch haben wir mit unserer technologieoffenen Herangehensweise geschafft und so gezeigt, dass Rennmotoren ohne wesentliche Leistungsverluste große Mengen von CO2 einsparen können“, sagt Fuchs.
Die Truck Racing-Europameisterschaft, bei der selbst der Pace Truck mit Bio-Flüssiggas betrieben wird, kann ab der am 20. Mai in Misano beginnenden Saison 2023 als nächsten wichtigen Schritt hybride und elektrische Renntrucks willkommen heißen. Aufgrund des dadurch antriebsseitig bunter werdenden Starterfeldes wird künftig neben dem Thema Nachhaltigkeit auch der Punkt Chancengleichheit ganz oben auf der Agenda stehen. „Wir stehen dazu im engen Dialog mit Teams und Lkw-Herstellern. Eine wichtige Möglichkeit für fairen Wettbewerb sind technologieausgleichende Maßnahmen. Es gibt aber auch sportliche Mittel. So kann man beispielsweise eine eigene Wertung, Kategorie oder ein eigenes Grid einführen. Da müssen wir die Entwicklung in den kommenden Jahren abwarten, denn welche nachhaltigen Renntrucks eingesetzt werden, hängt letztlich von den Teams und Herstellern ab. Interesse gibt es aber auf jeden Fall“, erklärt Fuchs.
Von den Vereinten Nationen anerkannt
Die Vereinten Nationen hat die Truck Racing-Europameisterschaft bereits überzeugt. Die Nachhaltigkeitsmaßnahmen der Motorsportserie wurden 2021 in das Programm „UN Sport for Climate Action“ aufgenommen. Damit einher gehen einige Verpflichtungen für die Meisterschaft der schnellen Lkw. So müssen jährlich ein Reporting erstellt, der CO2-Abbdruck berechnet und die erfolgreichen Teilmaßnahmen offengelegt werden. Auch endet das Nachhaltigkeitsstreben nicht am Auspuff des Lkw: Die Veranstalter der Rennwochenenden arbeiten daran, ihre Events umweltfreundlicher zu gestalten und werden durch ein FIA-eigenes Umweltprogramm zertifiziert.
Trotz der vielen Aufgaben und Veränderungen waren die Reaktionen von Teams, Fans und Sponsoren auf die Veränderungen im Truck Race bisher einhellig positiv. Daher blickt Fuchs optimistisch in die Zukunft: „Wir haben die einmalige Chance, den Ruf der Nutzfahrzeugindustrie positiv mitzugestalten und die Idee vom Lkw als nachhaltigem Transportmittel in den Köpfen der Menschen zu verankern.“
„Sicherheit und Fairness sind unsere DNA“
Wolfgang Dammert ist Motorsport-Koordinator bei DEKRA und leitet beim Deutschen Motor Sport Bund e.V. (DMSB) die Kommission Technik und Nachhaltigkeit. Bei der DTM sorgt er als technischer Kommissar zusammen mit seinen Kollegen für Sicherheit und Fairness.
DEKRA solutions: Herr Dammert, wie kommt es, dass DEKRA sich im Motorsport engagiert?
Unser Engagement im Motorsport geht bis in die 1960er Jahre zurück. Unser damaliger DEKRA Vorstand Rolf Moll war ein begeisterter Motorsportler und übrigens sehr erfolgreich: Zusammen mit Walter Schock war er 1956 und 1960 Rallyeeuropameister und hat 1960 auch die Rallye Monte Carlo gewonnen. Rolf Moll ist es zu verdanken, dass erstmals DEKRA Mitarbeiter als Sachverständige bei der Erstellung vom Wagenpässen im Motorsport aktiv wurden. Daraus hat sich dann Ende der 1980er Jahre unser Engagement in der DTM entwickelt.
Wie würden Sie die Rolle von DEKRA im Motorsport beschreiben?
Zum einen ist für uns der Sicherheitsaspekt enorm wichtig. Das ist unsere DNA. Aber durch die Überwachung des technischen Reglements sorgen wir auch für Fairness und Gleichbehandlung. Dies immer unter der Ägide des DMSB. Für die Rolle als Sicherheitsexperten sind wir bestens geeignet. Wir haben vier beim internationalen Motorsportverband FIA akkreditierte Testinstitute in Klettwitz, Neumünster, Stuttgart und Saarbrücken. Außerdem noch ein akkreditiertes Labor in Tschechien. In diesen Laboren führen wir FIA Homologationen und Tests für die FIA und den DMSB durch. Dies umfasst unter anderem die Bereiche Sitze, Gurte oder Crash. Hier sind wir weltweit führend mit Hochgeschwindigkeitscrashversuchen zur Entwicklung neuer Sicherheitseinrichtungen.
Geht es bei der technischen Abnahme mehr um Sicherheit oder mehr um Fairness?
Es geht um beides. Alles beginnt mit der Grundabnahme zu Beginn der Veranstaltung. So wie der Schiedsrichter beim Fußball zunächst Stollen und Schienbeinschoner kontrolliert, um Verletzungen zu vermeiden, so überprüfen wir die Fahrerausrüstung und die Fahrzeugsicherheit. Wir checken, ob der Bewerber oder die Bewerberin flammenhemmende Kleidung trägt oder ob im Fahrzeug Sicherheitseinrichtungen wie Überrollkäfig, Gurte, Sitze und Feuerlöscher den Vorschriften entsprechen und einsatzfähig sind. Der Punkt Fairness wird besonders nach Qualifying und Wertungslauf wichtig. Dann erhalten die technischen Kommissare von den Sportkommissaren, die die Sporthoheit DMSB vor Ort repräsentieren, sogenannte Nachuntersuchungsaufträge. Es werden zum Beispiel die ersten drei Autos aus dem Qualifying gewogen oder wettbewerbsrelevante Bauteile wie Turbolader kontrolliert. Vor dem Rennen überprüfen wir auch in der Startaufstellung mögliche Regelverstöße. Es können zum Beispiel Reifen kontingentiert sein, dann müssen die Barcodes kontrolliert werden. Nach dem Rennen oder der Veranstaltung können noch eingehendere Nachkontrollen erforderlich sein. Mit dem Abnahmebericht an den Rennleiter und die Sportkommissare ist der Kontrollprozess abgeschlossen.
Und wie halten es die Teams mit dem Reglement?
Die Teams probieren Dinge aus und gehen dabei auch mal an die Grenzen des Reglements. Wir müssen versuchen, Lücken im Reglement ausfindig zu machen und sie zu schließen. Außerdem stehen wir permanent mit den Teams in Kontakt und teilen ihnen auch mit, wenn technische Maßnahmen dazu tendieren, gegen das Reglement zu verstoßen. Zwar ist die DTM seit 2021 eine Meisterschaft von Kundenteams, aber die großen Hersteller unterstützen diese Teams natürlich und haben ihrerseits kein Interesse, wegen Manipulationen in den Medien zu erscheinen. Daher sind die Fälle offensichtlicher Manipulationen sehr selten. Aber auch bei Streitfällen können wir durch unsere Labors eine wichtige Rolle bei der Aufklärung leisten.
Und falls eines Ihrer Schäfchen doch mal über die Stränge schlägt: Wo sucht man da am besten nach Manipulationen?
Aufgrund der Homologation spielen bei GT-Fahrzeugen Manipulationen am Fahrwerk oder bei der Aerodynamik nicht die größte Rolle. Anders sieht es bei der Sensorik und Motorelektronik aus. Für die Plausibilitätsüberprüfung der Sensor- und Motordaten nehmen wir uns viel Zeit und investieren auch viel Geld in geeignete Hard- und Software. Die gesamte Motor- und Abgascharakteristik sowie Beschleunigungs- und Bremsvorgänge werden permanent tiefgreifend überwacht. Wenn die Datenanalyse Abweichungen zum Reglement oder physikalische Unstimmigkeiten aufweist, gehen wir diesen Feststellungen sehr gründlich nach. Auch hier sind wir personell sehr gut ausgestattet: Wir haben an jedem Rennwochenende Fahrdynamiker sowie Antriebsexperten aus unserem DEKRA Technology Center in Klettwitz vor Ort im Einsatz, die unsere Datenanalysten unterstützen.
Herr Dammert, Sie sind gleichzeitig auch Kommissionsleiter Technik und Nachhaltigkeit beim DMSB. Wann können wir uns auf eine elektrifizierte DTM freuen?
Daran wird bereits seit einiger Zeit gearbeitet, Stichwort DTM electric. Wichtig für eine erfolgreiche Meisterschaft ist, dass die Aspekte Nachhaltigkeit, Sicherheit und Attraktivität für die Zuschauer miteinander vereint werden. Im Rahmen der FIA gibt es verschiedene Ansätze für Meisterschaften auf Basis von E-Antrieben. Grundlage im Tourenwagen- und GT-Bereich ist immer ein Technisches Reglement, auf dessen Basis potenzielle Hersteller Fahrzeuge homologieren können. Wir als DEKRA bringen unsere Expertise für die Entwicklung dieser Fahrzeuge schon jetzt bei der Reglementerstellung und Definition von HV-Sicherheitsforderungen sowohl bei der FIA als auch beim DMSB mit ein. Hinzu kommen unsere zukünftigen Möglichkeiten: In Klettwitz bauen wir zum Beispiel ein Batterietestlabor mit unterschiedlichsten Prüfständen, mit denen wir uns sicher auch sehr gut in den Motorsport einbringen können. Bis ein schlüssiges Gesamtkonzept für eine nachhaltige DTM steht, braucht es noch etwas Zeit, aber dass in Zukunft die Nachhaltigkeit bei Antriebskonzepten eine entscheidende Rolle spielen wird, ist unumstritten. Wir bei DEKRA sind auch beim Motorsport gut darauf vorbereitet.