Straßenbrücken: Oben drüber

Author: Michael Vogel

05. Okt. 2022

Straßenbrücken sind imposante Bauwerke. Die Längste und die Höchste stehen in China, die Größte in Frankreich. Und auf manchen Brücken gibt es Restaurants, Riesenräder oder Drachen.

Niemand weiß, wer als Erstes die Vorzüge einer Brücke ausnutzte und wann das geschah. Ist ein Baumstamm über einem Graben, ist eine Abfolge großer Steine im seichten Wasser oder sind einige Lianen, gespannt über eine Schlucht, bereits eine Brücke? In der Schweiz zwischen dem heutigen Rapperswil und dem heutigen Ortsteil Hurden verband bereits um 1500 v. Chr. eine Querung zwei Ansiedlungen am Zürichsee. Sie gilt als eine der ältesten Brücken, von denen Überreste dokumentiert sind. Waren Brücken anfangs oft nur für Personen benutzbar, wurden schon in der Antike welche gebaut, über die sich auch Wagen ziehen ließen. Heute herrschen Stahlbeton und Stahl im Brückenbau vor.
Eine Straßenbrücke höher als der Eiffelturm
Die größte Straßenbrücke, bezogen auf die Gesamthöhe des Bauwerks, steht in Südfrankreich: Es ist die Brücke von Millau, über die die Autobahn das Tarn-Tal quert. Ihr höchster Pfeiler ist 343 Meter hoch und damit etwas höher als der Eiffelturm. Die Brücke besteht aus einem 245 Meter hohen Betonpfeiler, der die Fahrbahnebene von unten stützt, und einem 98 Meter hohen aufgesetzten Stahlpylon, an dem die Fahrbahnebene mit schräg verlaufenden Seilen aufgehängt ist. Die Brücke, die 2004 in Betrieb gegangen ist, hat eine Länge von knapp 2,5 Kilometern.
Während das Viadukt von Millau das größte Brückenbauwerk ist, überspannt die Beipanjiang-Brücke in Südwestchina den tiefsten Talgrund. 565 Meter geht es von der Fahrbahnebene an einer Stelle senkrecht nach unten. Das macht die Beipanjiang-Brücke zur höchsten Brücke der Welt. Sie ist wie das Viadukt von Millau eine Schrägseilbrücke und Teil einer Autobahntrasse. Das 1,3 Kilometer lange Bauwerk ist Ende 2016 für den Verkehr freigegeben worden.
Die Beipanjiang-Brücke hat nur eine Spannweite von 720 Metern, also maximal 720 Meter Abstand zwischen zwei Pfeilern. Dagegen ist die Spannweite der Çanakkale-1915-Brücke fast dreimal so groß: rund 2.020 Meter – ein Rekord. Die 3,8 Kilometer lange Autobahnbrücke steht in der Türkei und ist im Frühjahr 2022 in Betrieb gegangen. Sie ist als Hängebrücke ausgeführt, also wie die Golden Gate Bridge in San Francisco. Das Bauwerk spannt sich über die Meerenge der Dardanellen und ist damit eine Alternativroute zur Querung der Meerenge des Bosporus, die den europäischen Teil der Türkei mit Kleinasien verbindet.
Die längste Brücke über Meer führt zwischen Hongkong und Macau
Im Quartett der Rekorde aus Größe, Höhe und Spannweite fehlt nun noch die Länge. Seit 2018 gilt hier laut Guiness-Buch die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke als das Maß der Dinge, genauer: als längste Brücke, die über Wasser führt. Wie der Name schon vermuten lässt, verbindet das Bauwerk in China die Städte Zhuhai und Macau mit Hongkong. Für das Gesamtbauwerk wird eine Länge von 55 Kilometern genannt. Es besteht aus einer 12 Kilometer langen Anbindungsstrecke in Hongkong, einer 29,6 Kilometer langen Schrägseil-Hauptbrücke und der 13,4 Kilometer langen Anbindungsstrecke in Zhuhai. Teils verläuft die Route sogar unter Wasser, um den Schiffsverkehr nicht zu beeinträchtigen. Zudem gibt es drei künstlich aufgeschüttete Inseln, die ebenfalls für das Bauwerk angelegt wurden. Die neue Verbindung verwandelt eine einstündige Fährüberfahrt in eine 40-minütige Autofahrt. Übrigens gilt in Hongkong und Macau Linksverkehr, in Zhuhai Rechtsverkehr – die Übergänge erfolgen an den jeweiligen Endpunkten.
Über Wasser führt auch die Evergreen Point Floating Bridge in den USA, allerdings schwimmt die Fahrbahn zum Teil auf dem Wasser, und zwar auf einer Länge von mehr als 2.350 Metern. Das macht das Bauwerk zur längsten Ponton-Brücke der Welt. Sie führt über den Lake Washington und verbindet Seattle mit Vororten im Osten. Eröffnet wurde das Bauwerk 2016, als Ersatz für eine ältere Ponton-Brücke. Es trägt nun den offiziellen Namen „Governor Albert D. Rosellini Bridge“. Wie es der Zufall so will, liegen die vier längsten Ponton-Brücken der Welt an der Westküste der USA, alle im Bundesstaat Washington.
Straßenbrücken als Touristenmagnet
Für manche Brücke haben sich die Erbauer und Geldgeber Besonderheiten ausgedacht, die nichts mit der Funktionalität des Bauwerks zu tun haben, sondern Touristen anlocken sollen. So hat zum Beispiel die Brücke des Slowakischen Nationalaufstands in Bratislava ein Turmrestaurant mit Aussichtsplattform. Es befindet sich auf dem 85 Meter hohen Pylon der Schrägseilbrücke. Die 430 Meter lange Brücke dürfte die bekannteste Donaubrücke der Stadt sein und verbindet den Stadtteil Petržalka mit der Altstadt.
Kein Restaurant, sondern ein Riesenrad steht auf der Yongle-Brücke in der ostchinesischen Hafenstadt Tianjin. Fertiggestellt wurde das Gesamtbauwerk 2008 und gilt seitdem als eines der Wahrzeichen des Ortes. Besonders bei Nacht bietet sich ein hübscher Anblick vom Ufer, da sich das beleuchtete, 120 Meter hohe Riesenrad unter der Brücke im Fluss spiegelt.
Die Form eines Drachens hat eine Brücke in der vietnamesischen Großstadt Da Nang. Das passend „Drachenbrücke“ genannte Bauwerk quert den Fluss Han im Stadtzentrum und wurde 2013 für den Verkehr freigegeben. Es ist knapp 670 Meter lang. An Samstag- und Sonntagabenden speit der Drachenkopf, der sich 70 Meter über die Fahrbahn erhebt, drei Minuten lang Feuer, gefolgt von Wasser. Ein Hingucker.
Zum Hingucker auf Fotos hat sich derweil die Eshima-Ohashi-Brücke im Süden der japanischen Hauptinsel Honshu entwickelt. Sie verbindet die Städte Matsue und Sakaiminato miteinander. Aus der richtigen Position mit einem Teleobjektiv aufgenommen, sehen Auf- und Abfahrt der Brücke extrem steil aus. Das ist aber nur ein optischer Effekt, der durch das Tele entsteht. Die Steigungen sind mit fünf beziehungsweise sechs Prozent keineswegs extrem. Viele Alpenpässe zum Beispiel sind steiler.