Touren für Drahtesel

Author: Joachim Geiger

05. Juli 2023

Ein individueller Radurlaub ist eine andere Hausnummer als ein All-Inclusive-Paket beim Veranstalter. Allein die Planung und Durchführung kann eine sportliche Herausforderung sein. Welche Strecke ist für traditionelle Räder, welche für E-Bikes die beste Wahl? Und vor allem: Wohin soll die Reise gehen? DEKRA Experte Marc Gölz hat einige Tipps auf Lager.

Ein Urlaub auf dem Drahtesel? Und das gleich für mehrere Tage oder Wochen? Was kann schön daran sein, wenn man bei Wind und Wetter stundenlang in die Pedale tritt, sich mit schmerzendem Hintern auf Steigungen abstrampelt und die Seele aus dem Leib schwitzt? Für viele Menschen gibt es nichts Schöneres als genau das. Urlaub auf dem Rad bedeutet Abenteuer und Natur pur. Zudem ist der Trip mit Trekkingrad, Gravelbike, Mountainbike oder Rennrad gut für die Gesundheit. Radfahren schont die Gelenke, stärkt Rücken und Immunsystem und sorgt für jede Menge Frischluft in der Lunge. Also rauf aufs Rad und fleißig Kilometer gesammelt? Ganz so einfach ist es nicht. „Planung und Durchführung einer längeren Tour sind anspruchsvoller als ein All-Inclusive-Cluburlaub“, gibt DEKRA Experte Marc Gölz vom Bereich Produktmanagement Schadengutachten Fahrrad zu bedenken.
Eine gründliche Vorbereitung ist das A und O für einen gelungenen Radurlaub
Der 45-Jährige ist ein in der Wolle gefärbter Radfahrer, der schon als Jugendlicher Wettkämpfe mit dem Mountainbike bestritten hat und in den 2000er-Jahren als Profi für das MTB-Team von T-Mobile an den Start ging. Heute pflegt er seine sportlichen Ambitionen mit knackigen Wochenend-Touren auf der Schwäbischen Alb. Sein bevorzugtes Fahrzeug ist ein Gravelbike mit Edelstahlrahmen – die Maßanfertigung einer Radmanufaktur, die Marc Gölz selbst vor einigen Jahren gegründet hat. „Die Tourenplanung sollte die Herausforderungen der Strecke, den Schwierigkeitsgrad und die Höhenunterschiede berücksichtigen“, erklärt der DEKRA Experte. Auch die Erwartungen der Mitfahrenden spielen eine Rolle. Hier sollte man im Vorfeld klären, wie es um den jeweiligen Trainingszustand sowie die Ansprüche an den Komfort bestellt ist – wer am Ende einer Etappe lieber im Hotelbett schläft, dürfte auf der Luftmatratze im Zelt kaum die nötige Erholung finden. Beim Trip mit der Familie sollte der Fokus auf gut ausgebauten Radwegen, verkehrsfreien Abschnitten und kinderfreundlichen Strecken liegen.
Wie wirkt sich der elektrische Antrieb auf die Tourenplanung aus?
Bei der Tourenplanung an PC, Laptop oder Smartphone können Radreisende auf einschlägigen Webseiten und in Apps hinsichtlich der Tourenvorschläge aus dem Vollen schöpfen. Häufig lohnt sich ein Klick auf Reiseanbieter und Tourismusorganisationen. Eine gute Orientierung ermöglicht der in Brüssel ansässige Europäische Radfahrer-Verband (ECF) mit detaillierten Karten zum europäischen Radrouten-Netz „Eurovelo“, das sich aus zahlreichen nationalen Radwegen der teilnehmenden Länder zusammensetzt. Derzeit besteht das Netz aus 19 Strecken, darunter eine Nordseeküstenroute, eine Ostsee-Adria-Route und eine Route vom Atlantik quer durch Mitteleuropa zum Schwarzen Meer.
Und welche Rolle spielt es für einen Tourenplaner, ob die Urlauber ihre Wege mit einem analogen oder einem elektrischen Bike unter die Räder nehmen? „In den meisten Fällen spielt der Antrieb für die Wahl der Strecke keine Rolle“, weiß DEKRA Experte Gölz. Stimmt die Fitness der Teilnehmer, dürfen die Abschnitte mit einem E-Bike etwas länger ausfallen. Ansonsten sollten sich die Planer nicht zu sehr auf den elektrischen Rückenwind verlassen. Mitfahrer, die bei Steigungen stets die maximale Unterstützung abrufen, kommen letztlich auch nicht weiter voran als ein trainierter Bio-Biker. Andererseits ist es bei Bergtouren mit dem Mountainbike sinnvoll, die Abschnitte mit Anstiegen genauer unter die Lupe zu nehmen. Wartet die Route mit längeren Tragestrecken auf, bietet es sich an, wegen des höheren Gewichts des E-MTB einen anderen Weg in Kauf zu nehmen.
Beim Ersatzmaterial sollen Biker keine Abstriche machen
Tatsächlich ist auch das Gewicht des Gepäcks ein relevanter Faktor der Planung. Da für Mountainbiker Flexibilität und Wendigkeit im Vordergrund stehen, ist eine minimalistische Gepäcklösung gefragt. Meistens reichen wenige Taschen für die Ausrüstung, die man platzsparend am Fahrradrahmen befestigt. Steht eine längere Radreise mit Übernachtung auf Campingplätzen an, ist das klassische Trekkingrad eine gute Wahl. Schließlich kommen in den Gepäcktaschen am Heck, am Vorderrad und am Lenker gut und gerne 15 bis 20 Kilogramm Nutzlast zusammen. DEKRA Experte Marc Gölz rät in diesem Fall dazu, das Equipment gleichmäßig auf die Taschen zu verteilen, damit die Balance des Rads erhalten bleibt. Vor Beginn der Reise sollte man das Bike einmal zur Probe packen und damit eine Runde drehen. Ansonsten ist der Frust programmiert, wenn man erst auf der Strecke feststellt, dass zu viel Gewicht an Bord ist und das Fahrverhalten des Drahtesels nicht stimmt.
Keine Abstriche machen sollten Radler übrigens beim Ersatzmaterial. Zwei passende Schläuche, Reifenheber und Luftpumpe gehören ebenso ins Gepäck wie ein zusätzliches Kettenschloss und ein Multitool, das bei gerissenen oder abgesprungenen Ketten und lockeren Schrauben zum Einsatz kommt. Ein Fahrrad-Check gehört ebenfalls zu einer gründlichen Vorbereitung: Reifen und Bremsbeläge sollten genügend Profil aufweisen, der Reifendruck sollte in Ordnung und die Kette gut gefettet sein. Die Gänge wiederum sollten sich flüssig schalten lassen und die Beleuchtung sollte funktionieren.

Fünf Tipps für die Radreise in Europa

Trekkingrad/Gravelbike: Gironde-Radrundweg, Frankreich
  • Charakter: Tour für Familien, Einsteiger
  • Streckenverlauf: Der Rundweg startet in Bordeaux und führt durch die Naturparks Entre-deux-Mers und Landes de Gascogne zur Bucht von Arcachon. Dann geht es die Atlantikküste entlang bis zur Mündung der Gironde und von dort in die Weinlandschaft des Médoc. Die Rückfahrt führt zum Teil über Radfernwege Canal des 2 Mers und La Vélodysée.
  • Länge der Tour: 480 Kilometer
  • Schwierigkeitsgrad: leicht
  • Besonderheiten: Rund 90 Prozent der Tour finden auf eigens angelegten und überwiegend asphaltierten Radwegen statt.
Trekkingrad/Gravelbike: Coast-to-Coast, England
  • Charakter: Tour für geübte Fahrer
  • Streckenverlauf: Einmal quer über die Insel von der Irischen See zur Nordsee. Gestartet wird in Whitehaven im Nordwesten Englands, die Tour endet in Sunderland im Nordosten. Die interessantesten Abschnitte liegen im Lake District Nationalpark und im für seine landschaftlichen Reize bekannten Mittelgebirge Pennines mit Hochmooren und Flusstälern.
  • Länge der Tour: 225 Kilometer
  • Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer
  • Besonderheiten: Die Wege sind überwiegend befestigt. Allerdings erfordern steile und anspruchsvolle Anstiege eine gute Kondition.
Mountainbike: Trans Slovenia 03, Slowenien
  • Charakter: Tour für sportliche Fahrer
  • Streckenverlauf: Pittoreske Bergketten und spektakuläre Täler – die Abenteuer-Tour beginnt in Maribor und verläuft größtenteils abseits der viel befahrenen Hauptstrecken. Sie führt durch Fichtenwälder und über Gebirgspässe mitten hinein in die Karawanken. Highlights sind der Bike-Park Rogla, der Jamnica Single Trail Park sowie unterirdische Trips durch verlassene Minentunnel.
  • Länge der Tour: 330 Kilometer
  • Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer
  • Besonderheiten: Die Tour stellt zwar hohe Ansprüche an die Fitness der Fahrer, kommt aber ohne besondere Herausforderungen an die Fahrtechnik aus.
E-Mountainbike: Alpenquerung, Deutschland und Italien
  • Charakter: Tour für geübte Fahrer
  • Streckenverlauf: Der Alpencross beginnt in Garmisch-Partenkirchen und endet nach einer Reihe technisch anspruchsvoller Trails und rund 18.000 Höhenmetern im ehemaligen Fischerdorf Limone sul Garda. Auf dem Etappenplan stehen spektakuläre Trails von Fimberpass, Ofenpass und Bormio und zum Schluss der Downhill vom Tremalzo.
  • Länge der Tour: 440 Kilometer
  • Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer
  • Besonderheiten: Kondition und fortgeschrittene Fahrtechnik unabdingbar. Knackige Anstiege mit Schiebepassagen, hier und dort lassen sich Aufstiegshilfen nutzen.
Rennrad: Sierra Nevada und Pico del Veleta, Spanien
  • Charakter: Tour für routinierte Fahrer
  • Streckenverlauf: Eine Rundreise um die Sierra Nevada – das höchste Gebirge der Iberischen Halbinsel – führt durch die Provinzen Granada und Almería. Für die jeweilige Planung gibt es rund ein Dutzend Varianten mit zahlreichen Bergstraßen und Pässen. Ein Muss ist der Anstieg auf den Pico del Veleta, der mit fast 3.400 Metern als der höchste mit dem Rennrad befahrbare Berg Europas gilt.
  • Länge der Tour: zwischen 800 bis 950 Kilometer
  • Schwierigkeitsgrad: mittel
  • Besonderheiten: Gefragt sind eine sehr gute Fitness und erste Erfahrungen mit Bergfahrten. Auf den Bergetappen insgesamt wenig Autoverkehr.