Klima: Das 1,5-Grad-Ziel ist entscheidend

Author: Hannes Rügheimer

02. Feb. 2022

Prof. Dr. Maarten van Aalst ist koordinierender Leitautor der IPCC Working Group II zu den Hauptrisiken des Klimawandels. Wir sprachen mit ihm über extreme Wetterbedingungen und Ansätze zur Bewältigung solcher Risiken.

Maarten, wir führen dieses Interview nur wenige Tage nach Ihrer Rückkehr von der UN-Klimakonferenz in Glasgow. Was ist Ihre allgemeine Meinung zu den Ergebnissen?
Prof. van Aalst: Ich habe Glasgow in meiner Funktion als Direktor des Internationalen Klimazentrums des Roten Kreuzes besucht. Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis sehr viel wichtiger geworden sind. Der Klimawandel ist das weitreichendste Problem unserer Zeit und erfordert überall in der Gesellschaft praktische Lösungen – nicht nur seitens erneuerbarer Energien und der Vermeidung von Kohlenstoffemis­sionen, sondern auch im Hinblick auf das Risikomanagement.
Abgesehen davon ist das Ergebnis von Glasgow meiner Meinung nach ein Fall von „das Glas ist halb voll und halb leer“. Es wurde dargelegt, dass das 1,5-Grad-Ziel immer noch entscheidend ist, doch das Ergebnis der Klima­konferenz bringt uns nicht dorthin. Andererseits haben wir von dieser Konferenz auch erwartet, dass sie uns hilft, mit schon eingetretenen Situationen umzugehen. Insbesondere die ärmsten, gefährdeteren Länder erwarteten, dass das dritte Ziel des Pariser Abkommens erreicht wird, nämlich 100 Milliarden Dollar pro Jahr an finanzieller Unterstützung für Entwicklungsländer.
Das Abkommen legt auch fest, dass die Summe zwischen der Anpassung an die Zukunft und der Abmilderung bereits eingetretener Schäden „ausgewogen“ sein soll – wobei die Bedeutung von „ausgewogen“ nicht klar definiert ist. Der Anpassungs­anteil betrug bisher 20 Milliarden Dollar. Jetzt haben sich die reichen Länder dazu verpflichtet, diesen Betrag bis 2025 zu verdoppeln. Kleine Schritte nach vorn also, aber im Grunde nicht genug, um zu bewältigen, was auf uns zukommt.
Wenn wir uns speziell mit extremen Wetterbedingungen befassen: Gibt die Klimaforschung einen klaren Hinweis darauf, ob sie in Zukunft häufiger auftreten werden?
Prof. van Aalst: Wenn wir uns alle Extreme auf der Welt ansehen, lautet die Antwort: Ja. Aber es kommt darauf an, welche Extreme wir betrachten – und wo auf der Welt. Im Durchschnitt sind wir mit einem unbeständigeren Klima mit mehr Extremen konfrontiert. Was wir als Extrem betrachten, ist eine Eigenschaft der statistischen Verteilung dessen, was in der Atmosphäre geschieht. In der Regel sind sowohl ökologische als auch menschliche Systeme mehr oder weniger an die aktuellen Bedingungen angepasst. Wenn sich also etwas ändert, werden Ausreißer die neuen Extreme der neuen Verteilung sein.
In der Praxis erwarten wir fast überall mehr Hitzewellen und auch einen intensiveren hydro­logischen Kreislauf – was längere Perioden ohne Niederschläge bedeuten kann, aber auch extremere Niederschläge, wenn sie denn fallen: Sie kommen in größeren Mengen. Aber – und das ist wichtig – es variiert sehr stark von Ort zu Ort. Wenn sich zum Beispiel ganze Monsunsysteme verschieben, kann es an manchen Orten plötzlich viel mehr und an anderen viel weniger regnen, unabhängig von den Veränderungen der durchschnittlichen Nieder-schlags­menge in größeren Regionen.
Es gibt auch Extreme, die weniger schlimm werden. Zum Beispiel nehmen Kälteextreme ab. Andererseits wer-den Stürme, wie beispielsweise tropische Stürme, immer intensiver und häufiger. Es variiert also wirklich von Ext-rem zu Extrem, und es hängt auch vom jeweiligen Standort ab, den wir betrachten.
Was bedeutet das in Bezug auf Risiken und Folgen?
Prof. van Aalst: Hier wechseln wir von der IPCC Working Group I, die sich mit den von der Atmosphäre und den Ozeanen ausgehenden Gefahren befasst – wie extreme Hitzeereignisse oder extreme Niederschlags­mengen – zur Working Group II. Darin befassen wir uns mit den Auswirkungen und Risiken – also damit, ob diese Veränderungen ein Problem darstellen werden. Und das hängt von Exposition und Anfälligkeit ab. Ein Sturm irgendwo auf dem Meer, wo er niemanden trifft, ist kein Problem. Wenn er aber eine Stadt trifft, kann er zu einem großen Problem werden – vor allem, wenn die Stadt anfällig ist, weil die Menschen dort zum Beispiel in unsicheren Unterkünften wie den Hütten eines Slums leben. Entscheidend ist also die Kombination von Gefahren, Exposition und Anfälligkeit – daraus ergibt sich das spezifische Risiko.
Sind wir darauf vorbereitet?
Prof. van Aalst: Genau da liegt das eigent­liche Problem: Wir sind tatsächlich nicht gut vorbereitet auf das, was kommt. Und an vielen Orten sehen wir sogar eine zunehmende Exposition und Anfälligkeit. In den Entwicklungsländern wachsen beispielsweise viele städtische Gebiete schnell und werden dabei nicht gut an die kommenden Risiken angepasst. Gleichzeitig sind aber auch einige Risiken zurückgegangen. So haben wir in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte bei Frühwarnsystemen gemacht. Die Menschen sind nicht nur in der Lage, die Warnung zu verstehen, sondern auch die notwendigen lebensrettenden Maßnahmen zu ergreifen. Letztes Jahr haben wir in Bangladesch 124 Menschen bei einem Sturm verloren, der in den 1970er-Jahren Hunderttausende von Menschen getötet hätte.
Der Verlust von Menschenleben ist natürlich das Erste, was man in jedem Land verhindern möchte. Denn das ist ein Verlust, der nicht wiedergutzumachen ist. Aber wir verlieren immer noch viele Menschen durch Überschwemmungen in Europa oder durch Hitzewellen in Europa, den USA und Kanada. Und das berücksichtigt noch nicht die Auswirkungen von Hitzewellen in Entwicklungsländern. Dennoch waren beispielsweise die europäischen Hitzewellen in den Jahren 2019 und 2020 die tödlichsten Katastrophen in unserer globalen Katastrophenstatistik. Aber es gibt auch andere Faktoren, die die Auswirkungen solcher Gefahren bestimmen.
Von welchen Faktoren sprechen Sie?
Prof. van Aalst: In Fällen wie beispielsweise den Überschwemmungen in Deutschland sind die finanziellen Schäden viel geringer als in ärmeren Ländern, einfach weil Versicherungen und Regierungen helfen konnten. Stellen Sie sich dasselbe Ereignis in einem armen Land vor, in dem es fast kein Sicherheitsnetz gibt. Die Menschen dort haben keine eigenen Ersparnisse – also sind sie auf humanitäre Hilfe wie die des Internationalen Roten Kreuzes angewiesen. Deshalb sind diese internationalen Diskussionen darüber, wie wir Anpassungs- und Präventionsmaßnahmen unterstützen können, so wichtig – und wie wir mit den Verlusten und Schäden umgehen können, die bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich geworden sind, weil wir das Risiko nicht auf null reduzieren können.
Dazu gehört auch die verstärkte Bereit­stellung von Versicherungen in ärmeren Ländern. Für die ärmsten Menschen, die sich diese Versicherungsprämien nicht leisten können, wird das aber wohl keine Lösung sein. Ein weiteres Puzzleteil ist deshalb die Verringerung der Ungleichheit: Wenn es uns gelingt, die Menschen aus der extremen Armut zu befreien, würde das auch einige dieser Probleme lösen. In den letzten Jahrzehnten ist die extreme Armut stetig zurückgegangen, aber in jüngster Zeit sind durch die Covid-Pandemie wieder 100 Millionen Menschen in die Armut zurückgefallen. Dadurch steigt die Anfälligkeit für die klimatischen Schocks, die auf uns zukommen.
Mit welchen Strategien könnten Einzelpersonen und Organisationen mit diesen Risiken umgehen?
Prof. van Aalst: Wir sehen viele gegenseitige Abhängigkeiten – eine kumulierte Kombination von Risiken. In armen Ländern ziehen die Menschen zum Beispiel in die größeren Städte, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn sie dort mehr Geld verdienen, sollte es sie wi­derstandsfähiger gegen Klimaschocks machen. Wenn sie jedoch in große städtische Küstengebiete ziehen, kommen sie genau an die Orte, an denen sie dem steigenden Meeresspiegel, drohenden Stürmen oder den in ein Delta mündenden Flüssen am meisten ausgesetzt sind. Und das gilt nicht nur für Entwicklungsländer.
Schauen wir uns beispielsweise die jüngsten Hitzewellen in Kanada an, die viele Menschenleben gekostet haben: Wäre die gleiche Hitzewelle in Las Vegas aufgetreten, hätte es kaum so viele Opfer gegeben. Denn auch für gefährdete Teile der Bevölkerung gibt es dort Maßnahmen – in Kanada war man solche Extreme einfach nicht gewohnt. Diese Hitzewellen waren selbst mit dem Klimawandel unwahrscheinlich. Man ­könn­te sagen, sie hatten einfach Pech. Aber unter den früheren klimatischen Bedingungen hätte es sie nicht gegeben.
Unsere Gesellschaften werden also viel härter von Dingen getroffen, die sie noch nie zuvor erlebt haben. Wir werden uns anstrengen müssen, um besser auf „Ereignisse niedriger Frequenz, aber hoher Intensität“ vorbereitet zu sein. Das heißt: Wir haben es mit noch nie da gewesenen Ereignissen zu tun, bei denen die Vergangenheit nicht mehr als Richtschnur für die Zukunft dient. Wir müssen auf weitere böse Überraschungen vorbereitet sein. Und ich fürchte, dass selbst die reichen Länder diesen Wandel noch nicht begriffen haben.
Können Sie ein Beispiel für eine solche „böse Überraschung“ nennen?
Prof. van Aalst: Vor 20 Jahren war hier in den Niederlanden der steigende Mee­resspiegel die größte Sorge in Sachen Klimawandel. Schon seit dem Mittelalter haben wir all diese eingedeichten Polder gebaut. Aber dann stellte sich heraus, dass nicht nur der Anstieg des Meeres­spiegels an der Küste ein Problem ist, sondern auch die Abflüsse der Flüsse in den Deltas. Und es ist noch schwieriger, dieses Wasser loszuwerden, wenn der Meeres­spiegel höher ist – es ist also eine Kombination von Herausforderungen.
Aber wir haben uns der Sache angenommen und ein Programm mit dem Namen „Raum für den Fluss“ zur Umsetzung von naturbasierten Lösungen ins Leben gerufen, obwohl es in einem dicht besiedelten Land wie den Niederlanden sehr kostspielig ist, den Flüssen mehr Raum zu geben. Nun hatten wir in den letzten Jahren sehr trockene und sehr heiße Sommer. Plötzlich bestand das Problem nicht mehr in der Beseitigung des Wassers, sondern in dessen Speicherung. Man bekommt eine Vorstellung von der Komplexität der Herausforderungen, die vor uns liegen.
Welche Rolle spielen Unternehmen in diesem Prozess?
Prof. van Aalst: Für Unternehmen ist die Bewältigung des Klimawandels die entscheidende Herausforderung unserer Zeit – und zwar an allen Fronten. Neben Regierungen und Einzelpersonen spielen auch Unternehmen eine entscheidende Rolle bei der Verringerung ihres CO2-Fußabdrucks. Jeder muss seinen Teil zur Senkung der Emissionen beitragen, um das sehr wichtige 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Aber Unternehmen müssen auch die Veränderungen berücksichtigen, die schon eingetreten sind.
Wie erwähnt, ist der Klimawandel zwar ein globales Problem, aber die Auswirkungen auf eine einzelne Organisation hängen vom Standort ab. In einem Gebiet, in dem der Permafrostboden auftaut, besteht für die Gebäude Abrutschgefahr. Am Rand einer Wüste besteht das Risiko der Wüstenbildung. In einem städtischen Küstengebiet besteht das Risiko einer Überschwemmung durch das Meer und die Flüsse, aber auch einer Versalzung der Wasserversorgung. All diese Risiken können unterschiedliche Auswirkungen haben. Viele Unternehmen hatten früher beispielsweise die IT-Systeme im Keller. Wenn dieser Teil des Gebäudes der von Überschwemmungen am meisten bedrohte ist, kann das durchaus ein Risiko für Ihr Unternehmen darstellen. Wenn Sie ein neues Büro kaufen, sollten Sie nicht nur über die Energieeffizienz, sondern auch über den Umgang mit Hitze nachdenken. Die Antwort kann eine Klimaanlage, aber auch angemessene Beschattung sein, zum Beispiel durch Pflanzen rund um das ­Gebäude.
Gibt es noch andere Risiken, denen sich die Unternehmen stellen müssen?
Prof. van Aalst: Unternehmen sollten neben lokalen Risiken für ihre Standorte auch über ihre Lieferketten nachdenken. Das ist uns vor allem während Covid bewusst geworden, als plötzlich alle Arten von Lieferketten nicht mehr funktionierten. Aber wir werden auch aufgrund von Klimaschocks damit konfrontiert. Es gibt unterschiedliche Gründe für die derzeitige Verknappung von Halbleitern – aber einer davon ist eine Dürre in Taiwan, weswegen die Chiphersteller dort nicht mit voller Leistung arbeiten können. Plötzlich sehen wir also, dass die Auswirkungen des Klimawandels in Taiwan beispielsweise auch die Autoindustrie in Deutschland betreffen.
Wenn ein Unternehmen widerstandsfähiger sein will, muss es diese Risiken streuen. Dies gilt für viele Branchen – so haben beispielsweise Lebensmittelunternehmen damit begonnen, ihre landwirtschaftlichen Lieferketten auf andere Kontinente zu verlagern. Ich hoffe, dass es uns als Welt ge­lingt, durch die Streuung der Risiken widerstandsfähiger zu werden – aber auch, dass wir in anfälligeren Gebieten investieren.
Prof. Dr. Maarten van Aalst ist Inhaber des Prinzessin-Margriet-Lehrstuhls für Klima- und Katastrophenresilienz am ITC (Fakultät für Geoinformationswissenschaften und Erdbeobachtung) an der Universität Twente, Niederlande. Er ist koordinierender Leitautor beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC; oft auch als „Weltklimarat“ bezeichnet) für die Working Group II, Chapter 16 („Schlüsselrisiken“). Darüber hinaus ist er Direktor des Internationalen Klimazentrums des Roten Kreuzes, wo er die Unterstützung für das Klimarisikomanagement und die Verbindungen zu Wissenschaft und Politik in den Bereichen Klimawandel, Katastrophenrisikomanagement und Entwicklungsplanung überwacht. Maarten verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Verknüpfung von Klimawissenschaft, Politik und Praxis, von der lokalen bis zur globalen Ebene.