Der menschliche Faktor

Unfallgefahren

Der menschliche Faktor

Manche Arbeitsunfälle und Unglücke geschehen, obwohl definierte technische, organisatorische und personenbezogene Sicherheitsmaßnahmen eingeführt sind. Als Ursache wird dann „menschlicher Fehler“ angenommen. Eine Ursache dafür ist in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu finden. Spezielle Trainings und Führungsmethoden zur Verbesserung der Arbeitssysteme können das Risiko minimieren.

Unternehmen verfügen heute über zahlreiche technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen, um das Sicherheitslevel stets auf einem hohen Niveau zu halten. Trotzdem kommt es immer wieder zu schweren oder tödlichen Unfällen sowie Beinaheunfällen mit möglicherweise fatalen Folgen. Die Erklärung dafür: Das Arbeitssystem ist nicht auf den menschlichen Faktor abgestimmt.
Die Ursache für Fehler sind häufig Lücken im Sicherheitsmanagementsystem des Unternehmens, bei denen es an Übereinstimmung mangelt, wie Personen Informationen verarbeiten, aller Beteiligten Entscheidungen treffen und wichtige Maßnahmen am Arbeitsplatz ergreifen. Dieser Aspekt der Informationsverarbeitung bestimmt, wie Mitarbeiter betriebliche Aufgaben auf sichere und zuverlässige Weise ausführen.

Eine Analyse von DEKRA zeigt, dass in 80 Prozent der untersuchten Unfälle und Beinaheunfälle diese menschlichen Faktoren einen relevanten Beitrag geleistet haben. Diese Faktoren werden als „gehirnzentrierte“ Gefahren bezeichnet und sind Vorläufer für sogenannte Leistungsfehler, die durch natürliche Prozesse des menschlichen Gehirns verursacht werden.
Es gibt auch ein Phänomen: Je öfter eine Person eine Aufgabe ohne Unfall ausführt, desto geringer bewertet man unterbewusst das Risiko der Aktivität. Die tägliche Erfahrung bestätigt diese Fehleinschätzung. Wenn es tatsächlich zu einem Unfall kommt, fragen sich Führungskräfte und Experten, wie dies geschehen konnte. Bei den Untersuchungen wird die Schuld dann häufig nur den Unfallopfern oder denjenigen zugeschrieben, von denen angenommen wird, dass sie sie verursacht haben. Es können aber auch Führungsfehler oder Versehen sein, die zum Unfall geführt haben.

Die neurowissenschaftliche Forschung liefert ein Erklärungsmodell für Leistungsfehler beim Menschen und Ausgangspunkte zur Vermeidung solcher Unfälle. Das Modell unterscheidet zwei Funktionen des menschlichen Gehirns. Zu diesem Zweck hat DEKRA ein Konzept entwickelt, das den Hintergrund vereinfacht darstellt und Maßnahmen zur Vermeidung von Gefahren ermöglicht: das „Brain Centric Reliability®“-Konzept. Um dies zu veranschaulichen, nennen wir die Subsysteme des Gehirns Fast Brain und Slow Brain. Sie stehen für unbewusste oder reflexartige Handlungen (Fast Brain) sowie für Handlungen und Entscheidungen, die ganz bewusst stattfinden (Slow Brain). Menschen verwenden das „schnelle Gehirn“, wenn sie Routineaktionen wie Laufen, routinemäßiges Fahren oder Akkordarbeit ausführen. Schnelles Denken im Gehirn ist nützlich, wenn die Person mit einer gut geübten Aufgabe beschäftigt ist. Es kann aber auch zu einer gefährlichen Situation führen: Wenn die Umstände nicht identisch sind, können spontan und unbewusst „falsche“ Maßnahmen ergriffen werden. Die meisten schweren Arbeitsunfälle ereignen sich, wenn sich das Gehirn in diesem „Standard-Routinemodus“ befindet.

Das sogenannte Slow-Brain-Denken ist dagegen bewusst und berücksichtigt Zusammenhänge. Wenn die Person in diesem Modus arbeitet, achtet sie mehr auf Details, ruft Informationen genauer ab und geht Aufgaben analytisch an. Die Erfahrung hat gezeigt, dass schnelles Denken den größten Teil der Wachzeit einer Person dominiert (abhängig von der Art der geleisteten Arbeit), da es sie durch die Routinen eines Tages führt. Da langsames Denken mehr Energie erfordert, sparen die Menschen durch schnelles Denken Energie – besonders wenn sie müde werden.

Was ist zu tun?

Die Entscheidungen von Führungskräften haben erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitskultur und Organisation in einem Unternehmen. Ein einfaches Beispiel: Wenn Führungskräfte verlangen, dass eine Aufgabe „so schnell wie möglich“ erledigt wird, schaffen sie bereits einen Ausgangspunkt für riskantes Verhalten. Weil Stress aufgrund von Zeitdruck dazu führt, dass der Beschäftigte die Aufgabe mit dem „schnellen Gehirn“ ausführt, verlässt er sich auf seine Routinen und wird daher „blind“ für mögliche Fehler.
Eine geleistete Arbeit ist nicht gleichbedeutend mit fehlerfreier Leistung und sicheren Arbeitspraktiken. Um ein hohes Maß an Zuverlässigkeit und Unfallfreiheit zu ermöglichen, sind daher andere Meldungen erforderlich. Zum Beispiel: „Nehmen Sie sich die notwendige Zeit, damit Sie die Arbeit beim ersten Mal richtig erledigen.“ Diese Nachricht signalisiert dem menschlichen Gehirn, die anstehenden Arbeiten sorgfältig zu überdenken und sich auf die korrekte Ausführung zu konzentrieren, anstatt nur das Tempo im Auge zu behalten.

Experten sind sich einig, dass eine ganzheitliche Sicht auf das Arbeitsumfeld notwendig ist, um das Risikopotenzial gering zu halten. Schulung, Ausbildung, Arbeitsbelastung, Organisation, Kommunikation, Ermüdungspotenzial und Schichtarbeit sowie die Gestaltung des Arbeitsplatzes: All dies kann Entscheidungen und Handlungen am Arbeitsplatz beeinflussen und bestimmen, wie der Mitarbeiter mit seiner Umgebung interagiert.

[Autori
David Musgrave, Vice President, DEKRA Organizational Safety & Reliability

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